Diskriminierungserlebnisse im Alltag homo- und bisexueller Personen in Rostock

Diskriminierungserlebnisse im Alltag homo- und bisexueller Personen in Rostock















Susann Koch

Studien, die sich mit der Diskriminierung von homo- und bisexuellen Personen beschäftigen, zeigen, dass dieses Phänomen durch eine Gleichzeitigkeit von Ablehnung und Toleranz geprägt ist (Engel 2002, 2008; Engel und Schuster 2007; Link 1997, 1999, 2013). In den Medien gehören homosexuelle Moderatoren_innen, Musiker_innen oder auch Politiker_innen mittlerweile zur »Normalität.« Auch gesetzliche Änderungen haben die Lebenssituation von homo- und bisexuellen Personen verbessert. Dennoch: Neben einer zunehmenden Akzeptanz sind ablehnende Haltungen, Abneigungen und sexualitätsbezogene Diskriminierungen weiterhin weit verbreitet. Eine Untersuchung, durchgeführt im Rahmen einer Abschlussarbeit an der Universität Rostock, analysiert, inwieweit homo- und bisexuelle Personen in dieser mittelgroßen Stadt von Diskriminierungen betroffen sind, welche Formen von Benachteiligungen und Feindlichkeit auftreten und in welchen Lebensbereichen sich diese finden. Diese Analyse setzt ihre Ergebnisse in Bezug zu soziodemographischen und -ökonomischen Merkmalen der Personen, um über eine deskriptive Beschreibung hinaus signifikante Zusammenhänge aufzuzeigen. Aus dem gegenwärtigen Forschungsstand zur Thematik werden Hypothesen zur Analyse abgeleitet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Diskriminierungserfahrungen von Lesben, Schwulen und Bisexuellen erst seit wenigen Jahren untersuchtwerden und die wenigen Arbeiten sich vor allem auf Diskriminierungen allgemeiner Art oder auf Erlebnisse am Arbeitsplatz sowie im privaten Bereich beziehen (Maier 2010: 154).

Zum Stand der Forschung
Hans Peter Buba und László A. Vaskovics führen im Jahr 2000 eine Befragung über die Benachteiligung gleichgeschlechtlich orientierter Personen und Paare durch. Hieran nahmen 581 homosexuelle Personen, darunter 206 Frauen und 375 Männer teil (Buba und Vaskovics 2000: 3). Der Fokus liegt auf Diskriminierungserlebnissen in unterschiedlichen Lebensbereichen, in der Arbeitswelt, im Wohnumfeld und der Öffentlichkeit sowie im privaten Bereich der Familie oder im Freund_innenkreis. In all diesen Bereichen bestehen Benachteiligungen für die Befragten (ebd.: 10 ff.). Des Weiteren kommen die Autoren zu dem Schluss, dass homosexuelle Männer häufiger von Ungleichbehandlungen betroffen seien als gleichgeschlechtlich orientierte Frauen, wobei sich die Ausgangssituation innerhalb der Familie für Frauen schwieriger gestalten würde (ebd.:14).

Zudem zeigen die Ergebnisse, dass das Ausmaß der wahrgenommenen Ungleichbehandlungen und Diskriminierungen für gleichgeschlechtliche Personen in einer Partnerschaft in allen Bereichen größer ist, als das der ledigen homosexuellen Personen. Die Autoren gehen davon aus, dass eine Partnerschaft ein von außen leicht wahrnehmbarer Hinweis für eine gleichgeschlechtliche Orientierung darstellt und Paare aus diesem Grund häufiger Benachteiligungen erleben, als getrennt oder alleinlebende gleichgeschlechtlich orientierte Personen (ebd.). Auch Melanie Caroline Steffens befasst sich in einer Untersuchung aus dem Jahr 2001 mit der Benachteiligung homosexueller Frauen und Männer (Steffens und Wagner 2009: 246). Sie befragt 51 lesbische Frauen, 84 schwule Männer, 214 bisexuelle Frauen sowie 186 bisexuelle Männer zu ihren Erfahrungen und Erlebnissen in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz. Der Schwerpunkt der Diskriminierungen – so zeigen die Ergebnisse – liegt auf Erfahrungen mit Beleidigungen, Bedrohungen, Angriffen oder Ausgrenzungen (ebd.). Auch Steffens verweist auf einen Geschlechtereffekt und kommt zu dem Ergebnis, dass homosexuelle Männer im höheren Ausmaß von Diskriminierungen und Gewalt betroffen sind als bisexuelle Frauen (Steffens 2010: 18; Steffens und Wagner 2009: 247).

Dominic Frohn befasst sich in einer Studie aus dem Jahr 2006 mit Diskriminierungserfahrungen im Arbeitsbereich. Er befragte dazu 2.230 homosexuelle Frauen und Männer (Frohn 2007: 14f.). In dieser Untersuchung wird, anders als bei vorangegangenen Studien nur ein minimaler Geschlechterunterschied festgestellt. Es sei eher so, dass Frauen andere Formen der Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz erleben als Männer, jedoch nicht prinzipiell weniger (ebd.: 33). Ein signifikanter Zusammenhang kann jedoch in Bezug auf den offenen Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung von Befragten herausgestellt werden. Demnach sind Personen stärker von Diskriminierung betroffen (erhöhte Diskriminierungswerte), wenn sie weniger offen mit ihrer Lebensweise umgehen (geringe Offenheitswerte) (ebd.: 36). Das Anti-Gewalt-Projekt MANEO in Berlin führt mehrere Erhebungen zu Gewalttaten durch, die sich gegen homo- und bisexuellen Männer richtet. An der ersten Studie, aus den Jahren 2006/2007, nahmen 23.949 Männer teil (Lippl 2007: 13). Hierbei konnte ein Alterseffekt festgestellt werden, wonach jüngere Personen in einem höheren Maße von Gewalterfahrungen betroffen seien, als die älteren befragten homo- und bisexuellen Männer (ebd.: 16). Zudem wird belegt, dass bi- und homosexuelle Männer in einer Partnerschaft weniger von Gewalttaten betroffen sind, als Teilnehmer ohne Partner und, dass Männer, welche offen mit ihrer Lebensweise umgehen, häufiger mit Gewalttaten konfrontiert werden (ebd.: 19). In der Folgeuntersuchung aus den Jahren 2007 und 2008 wurde ein Anstieg aller erhobenen Gewalttaten festgestellt (Lippl 2009: 17). Abermals wurde die Abhängigkeit der erfahrenen Gewalttaten vom Alter der Befragten herausgestellt, jüngere Männer sind häufiger hiervon betroffen. Zudem wurde der Effekt des sozialen Status der Probanden anhand des Einkommens gemessen (ebd.: 19f.). Hierbei wurde festgestellt, dass finanziell besser gestellte Männer deutlich weniger Gewalttaten erlebten als finanziell schlechter gestellte (ebd.). Auch Michael Bochow, Stefanie Lenuweit, Todd Sekuler und Axel J. Schmidt befassen sich in ihrer Untersuchung im Jahre 2010 primär mit den Diskriminierungserfahrungen und Lebensstilen homosexueller Männer (Bochow et al. 2011).

An dieser Onlinebefragung nahmen 54.387 homosexuelle Männer teil (ebd.: 14). Sie berichteten u.a. über Gewalterfahrungen innerhalb der letzten zwölf Monate, wobei zwischen verbaler und physischer Gewalt unterschieden wurde (ebd.: 58). Auch hier konnte ein Alterseffekt, wie oben bereits beschrieben, festgestellt werden, der sich relativierte, als die Gesamtbiographie der Befragten – also die Erfassung der erlebten Gewalttaten innerhalb des bisherigen Lebens und nicht nur innerhalb der letzten zwölf Monate – betrachtet wurde 45 (ebd.: 60ff.). Des Weiteren konnten die Autoren einen leichten Bildungseffekt herausstellen: Demnach erleben Personen mit einem Hauptschulabschluss aufgrund ihrer sexuellen Orientierung häufiger physische Gewalt als die Befragten mit Abitur oder Hochschulabschluss (ebd.: 59f.). Ähnlich wie MANEO wurde auch in dieser Analyse aufgezeigt, dass Männer, welche offen mit der eigenen sexuellen Orientierung umgehen, zu einem höheren Anteil von Gewalttaten betroffen sind als Männer, die dies nicht tun (ebd.: 60f.). Eine neuere Untersuchung aus dem Jahr 2011 stammt von Anne Bachmann und befasst sich ebenso mit der Lebenssituation und Diskriminierungserfahrung bi- und homosexueller Männer. An der Onlinebefragung nahmen 1.042 homosexuelle und 121 bisexuelle Männer teil (Bachmann 2013: 9). Ein Ergebnis zeigt, dass bisexuelle Befragte in eher geringerem Ausmaß von Diskriminierungserfahrungen berichten als homosexuelle Teilnehmer (ebd.: 22).

Bachmann untersucht, welch verschiedene Auswirkungen unterschiedliche soziodemographische Merkmale auf das Diskriminierungserleben haben. So konnte sie bspw. in Bezug auf das Einkommen feststellen, dass mit einem zunehmenden Nettoeinkommen Teilnehmer in geringerem Maße von Ungleichbehandlungen berichten. Homosexuelle Männer mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1.000 Euro waren somit häufiger von Diskriminierungen betroffen als Personen mit einem höheren Einkommen (ebd.: 47). Bachmann verweist jedoch auch darauf, dass die untersuchten Formen der Diskriminierung vor allem am Arbeitsplatz erlebt werden und ein höheres Einkommen häufig auch mit einer höheren beruflichen Position einhergeht, sodass eine gewisse Positionsmacht vor Belästigungen bzw. Bedrohungen zu schützen scheint (ebd.: 43). Des Weiteren zeigt die Studie, dass Teilnehmer, die keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen, in einem höheren Ausmaß Diskriminierungen erleben als erwerbstätige Personen. So berichten arbeitslose oder arbeitsuchende homosexuelle Männer signifikant häufiger von Gewalttaten, Belästigungen oder Bedrohungen (ebd.: 50). Auch in dieser Untersuchung zeigt sich ein Alterseffekt, zudem hat Bachmann einen Zusammenhang zwischen den Diskriminierungserfahrungen und dem Alter des Outings untersucht. Hierbei konnte sie einen schwachen Zusammenhang feststellen: Demzufolge erhöht sich mit der Dauer des öffentlichen Outings (also je länger jemand geoutet ist) das Ausmaß derberichteten Gewalterfahrungen. Demnach erfahren Personen, welche sich früh bzw. in »jungen Jahren« outeten, häufiger Ungleichbehandlungen als diejenigen, welche sich erst in einem höheren Alter öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen (ebd.: 55). Anhand dieses Forschungsstands wurden für die hier vorliegende Analyse Merkmale gewählt, welche auf Zusammenhänge mit Diskriminierungserfahrungen der in Rostock lebenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer hin geprüft werden sollten. Auch in dieser Untersuchung wurde deshalb ein geschlechtsspezifischer Effekt, der Alterseffekt, aber auch Merkmale wie der Beziehungsstatus, der Bildungsstand, das Einkommen und die berufliche Position, die sexuelle Orientierung sowie die Offenheit der Probanden und Probandinnen mithilfe der Methode der logistischen Regression überprüft und im späteren Verlauf dargestellt.

Da einige der vorgestellten Studien sich ausschließlich mit erlebten Gewalttaten befassen, wird auch in dieser Untersuchung die separate Analyse, unabhängig vom jeweiligen Lebensbereich, der Gewalttaten erfolgen. Um die Forschungsfragen beantworten und eventuelle Zusammenhänge erkennen zu können, wurde mit der Software EvaSys ein Onlinefragebogen erstellt. Dieser war vom 19. März bis zum 26. April 2015 online zugänglich. Der Fragebogen bestand aus 17 Fragen, welche sich durch eine Filterführung, bei der bei einem gewissen Antwortverhalten weitere detailliertere Fragen hinzukamen, auf 26 Fragen erhöhen konnte. Diese wurden in neun Themenbereiche gegliedert. Vorangestellt war ein allgemeiner Teil, in dem nach der sexuellen Orientierung und der Herkunft der Teilnehmer_innen gefragt wurde. Es folgten Fragen zu den Themen des Bewusstwerdens der sexuellen Orientierung und des Outing-Prozesses. Hierbei wurde beispielsweise das Alter beim Coming-out erfragt und vor wem sich geoutet wurde. Zudem gab es Fragenkomplexe zu verschiedenen Lebensbereichen, um jeweilige Diskriminierungserlebnisse erfassen zu können. Dies waren: der Familienbereich, der Freund_innenkreis, der Ausbildungs- und Arbeitsplatz sowie Universität oder Schule, der öffentliche Raum und separat davon das Erleben von Gewalttaten. In jedem Abschnitt hatten die Teilnehmer_innen die Möglichkeit, aus verschiedenen vorgegebenen Situationen diejenigen auszuwählen, welche sie innerhalb eines Lebensbereiches schon einmal erlebt hatten. Im letzten Abschnitt des Fragebogens wurden die demographischen Merkmale erfasst.Um den Kontakt zu den Befragten herzustellen, wurde auf das Schneeballverfahren und auf persönliche Kontakte zurückgegriffen. Der Fragebogen wurde durch das gezielte Anschreiben bekannter Personen sowie über soziale Netzwerke in Zusammenarbeit mit Vereinen und Szenebars in Rostock verbreitet. Insgesamt wurden 120 Personen erreicht, die an der Befragung teilnahmen. Aufgrund z.T. zu geringer Fallzahlen sowie nicht eindeutiger Zuordnungsmöglichkeiten mussten einige Angaben aus dem Sample entfernt werden, sodass in die Analyse 115 Personen eingehen konnten.

Der Tabelle ist zu entnehmen, dass es sich um ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter handelt. In die Untersuchung gehen 59 Frauen (51,3%) und 56 Männer (48,7%) ein, von denen die meisten nicht älter als 25 Jahre sind (n= 55/ 47,8%). 41,7% der Stichprobe sind zwischen 26 und 35 Jahre alt. Ein etwas geringerer Anteil von 10,4% ist 36 Jahre und älter.

47,8% der befragten Personen geben an, in einer Partnerschaft oder eingetragenen Lebenspartner_innenschaft zu leben. 40% der Befragten sind zum Zeitpunkt der Untersuchung ledig. Mit Kindern, geschieden oder verheiratet, leben 12,2%.

67% der Teilnehmer_innen geben an, den höchstmöglichen Schulabschluss des Fach-/Abiturs zu haben (n=77/67%).

Die Mehrheit der Teilnehmer_innen befindet sich in einem abhängig beschäftigten Verhältnis als Arbeiter_innen oder Angestellte (n= 68/ 59,1%). 18,3% der Stichprobe sind selbstständig, 11,3% haben eine Führungsposition inne oder fungieren als leitende Angestellte. Ebenso viele Personen, 11,3%, sind arbeitslos bzw. nicht erwerbstätig.

57,4% der Befragten verfügen über ein Nettoeinkommen von 1.000 Euro und mehr, während der Anteil derjenigen, die ein Nettoeinkommen von weniger als 1.000 Euro aufweisen, bei 37,4% liegt.

Bezüglich der sexuellen Orientierung gehen in diese Untersuchung 92 homosexuelle (80%) sowie 23 bisexuelle (20%) Personen ein. Ein Coming-out erfolgt dabei häufig (65,2%) im Kindesbeziehungsweise Teenageralter (bis zu einem Alter von 19 Jahren) (n=75). 40 Teilnehmer_innen outeten sich in einem Alter von 20 Jahren oder später.

Ein Großteil der hier befragten Personen geht offen oder eher offen mit ihrer sexuellen Orientierung um (n= 96/ 83,5%). Weniger offen scheinen 16,5% der Teilnehmer_innen zu leben.

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