Fokus Biografie

Fokus Biografie








Dr. Heike Radvan

Fokus Biografie – Biografische Forschung zu Alltagserfahrungen von LST* in Mecklenburg-Vorpommern. Die Ergebnisse im Überblick

Bislang gibt es wenig Wissen über Alltagserfahrungen von LST*, die in Mecklenburg-Vorpommern leben. Dabei unterscheidet sich MV nicht wesentlich von anderen Bundesländern: Bislang gibt es unserer Kenntnis nach keine systematische biographische Forschung zu dieser Fragestellung auf Regionen bezogen oder für einzelne Bundesländer. Insofern wird sich aufgrund der mangelnden Vergleichbarkeit im Folgenden kaum begründet sagen lassen, ob und was genau das Spezifische der Ergebnisse in Bezug auf das Bundesland ist. Dennoch haben wir mit dieser Expertise eine umfangreiche Datengrundlage über Alltagserfahrungen von LST* in ländlichen und urbanen Räumen MVs – und übernehmen damit im Vergleich zu anderen Ländern eine Vorreiterrolle, die hoffentlich Nachahmung findet.

Bislang ist weitgehend unbekannt, welche Erfahrungen LST* mit ihren Lebensweisen in ländlichen und urbanen Räumen in MV machen und ob und wenn ja, welche Rolle hierbei Diskriminierung und Gewalt spielen. Um diese Forschungslücke zu schließen und entsprechend der Ergebnisse Empfehlungen für eine Politik im Sinne von wirksamer Gleichstellung und Antidiskriminierung entwickeln zu können, wurden für die Expertise 20 biographisch-narrative Interviews mit Menschen geführt, die sich als lesbisch, schwul, trans*, queer oder bisexuell verstehen. Die Interviewten sind im Bundesland aufgewachsen und leben – eine Person ausgenommen – in MV.

Die Gespräche dauerten zwischen zwei und fünf Stunden. Zudem wurden zwei Gruppendiskussionen geführt mit insgesamt elf Teilnehmenden. Diese Gespräche dauerten jeweils ca. drei Stunden. Die Interviews waren Grundlage für Portraits, die Sie auf den folgenden Seiten lesen können.

Anhand dieser Portraits lässt sich nachvollziehen, welche Erfahrungen, insbesondere im Hinblick auf Diskriminierung, Menschen teilweise seit ihrer Kindheit mit ihrer Lebensweise machen und machen mussten. Zudem wird deutlich, welche Strategien der Bewältigung und des Umgangs sie entwickelt haben und welche Unterstützung sie suchen und erhalten konnten. An dieser Stelle möchte ich allen Interviewpartner_innen für ihr Vertrauen, ihre Offenheit und ihre Zeit danken. Ich habe beim Zuhören und Schreiben sehr viel gelernt, war häufig sehr berührt und hoffe, dass Lesende der Expertise dies teilen können – herzlichen Dank!

Der Artikel stellt die Ergebnisse der Forschung zusammenfassend vor. Dazu wird einführend die Interviewerhebung beschrieben. Forderungen an Politik, die sich aus den Ergebnissen herleiten, werden partiell benannt und finden sich detailliert online unter www.un-sichtbar-mv.de.

1. Biographisch-narrative Interviewführung
Mit dieser Form der Erhebung erhalten Interviewte die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen zu erzählen. Da es sich bei dem hier relevanten Thema immer auch um Erlebnisse von Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt handeln kann, – die Menschen nicht »einfach so« erzählen –, sind eine vertrauensvolle Gesprächssituation, Ruhe und Zeit wichtige Voraussetzungen. Es ist notwendig, dass Interviewte sich erinnern, in Gedanken in bestimmte Situationen ihres Lebens zurückgehen und sie detailliert schildern können. Dabei kann das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte und das damit einhergehende Einbetten von negativen, gegebenenfalls traumatischen Erlebnissen erleichternd, aber auch belastend sein. Einerseits kann es ermöglichen, eigene Widerständigkeiten und Resilienzen wahrzunehmen, sich also als handelnde Akteur_in der eigenen Geschichte zu erleben, zu beschreiben. Hier liegt eine weitere Motivation für die Erarbeitung der Expertise: Neben dem Fokus, der auf Diskriminierungserfahrungen gelegt wird, ist uns wichtig, im Sinne von Empowerment herauszustellen, welche Umgangsweisen und Strategien LST* hiermit im Bundesland finden und entwickeln. Andererseits ist insbesondere mit der Erzählung erfahrener Gewalt immer auch die Gefahr von Retraumatisierung verbunden. Dementsprechend wurde den Interviewten überlassen, wie detailliert sie ihre Geschichten erzählen, es gab keine insistierenden Nachfragen. Vielmehr wurde eine offene Eingangsfrage gestellt, die auf die Alltagserfahrungen ganz allgemein abhebt.

Kontakt zu den Interviewten
Wir hatten sehr viel Unterstützung von Kolleg_innen aus den Selbstorganisationen in MV und von engagierten Einzelpersonen aus queeren Szenen. Sie haben mir sehr vertrauensvoll Kontakte vermittelt. Unsere Motivation für die Expertise ist auch, auf die Handlungsmöglichkeiten und Handlungsnotwendigkeiten von Politiker_innen hinzuweisen und solidarisches Handeln aller einzufordern. Es geht uns darum, einen öffentlichen Diskurs über gesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit Diskriminierung von und Gewalt gegen LST* zu führen. Diese Motivation hat viele der angefragten Personen überzeugt und motiviert, ein Interview zu geben. Viele möchten etwas verändern im Bundesland: Sie wollen mehr Akzeptanz, Respekt und politische Veränderung – und durch Sichtbarkeit ihrer Lebenserfahrungen dazu beitragen.

2. Zentrale Ergebnisse der Studie
LST* machen sehr unterschiedliche Erfahrungen im Bundesland. Im Folgenden liegt der Fokus auf Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen und der Frage nach politischen Handlungsnotwendigkeiten. Vorab ist uns hierbei eine Klärung wichtig: Grundsätzlich geht es uns nicht darum, LST* als Gruppe mit Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen als Opfer festzuschreiben bzw. hierauf zu reduzieren. Vielmehr zeigen wir durch die erzählten Geschichten, welche Umgangsweisen, Formen der Gegenwehr und Strategien der Bewältigung es gibt. LST* machen sehr verschiedene Erfahrungen in ihrem Alltag. Es gibt durchaus diskriminierungsfreie Räume für LST* in MV; direkte Anfeindungen werden nicht alltäglich erlebt. Grundsätzlich verengen sich diskriminierungsfreie Räume im Kontext von Mehrfachdiskriminierungen, also wenn Personen neben Homo- und Trans*feindlichkeit von weiteren Diskriminierungspraxen wie ableism (Behindertenfeindlichkeit), Rassismen, Sexismus etc. betroffen sind. Dies bleibt häufig unbeachtet, auch bei strukturellen Angeboten. Wir unterscheiden in der Studie begrifflich zwischen struktureller Diskriminierung, die sich im gesellschaftlichen Alltag zeigt, bspw. in Reaktionen auf LST* auf der Straße oder der Benachteiligung in kulturellen Angeboten von öffentlichen Einrichtungen, sowie institutioneller Diskriminierung, die sich für LST* innerhalb von Institutionen, z. B. in Verwaltungen, im Gesundheitswesen, in der Schule oder in Betrieben zeigt (vgl. Scherr 2016).

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass der Alltag von LST* im Bundesland geprägt ist durch Erfahrungen von Diskriminierung und Gewalt. Eigene Erfahrungen und das Wissen um die Existenz verschiedener Diskriminierungsformen im Außen haben Auswirkungen auf das Lebensgefühl und Wohlbefinden vieler Personen. Erfahrungen von Diskriminierung und Gewalt werden in verschiedenen Bereichen gemacht, im Folgenden werden diese zusammenfassend vorgestellt.

Queere Lebenswelten als Nische oder die heterosexuelle Matrix
LST*-Lebenswelten sind Teil des Bundeslandes: In größeren Städten, gerade in den Universitätsstädten Greifswald und Rostock aber auch in Stralsund, Neubrandenburg und Schwerin gibt es queere, lesbisch-schwule Gruppierungen. Dennoch handelt es sich hierbei häufig um Nischen-Angebote. Der Alltag vieler Interviewter ist davon geprägt, dass sie sich als Angehörige einer Minderheit wahrgenommen fühlen. Sie beschreiben ihren Alltag im Außen als »durch und durch heterosexuell« geprägt. So gibt es nur begrenzte Angebote für ihre Interessen und Bedürfnisse auf verschiedenen Ebenen: Im kulturellen Bereich sind z.B. lesbische, schwule und trans*-Themen nicht als Querschnitt angekommen. Öffentliche Veranstaltungen und allgemeine Angebote bleiben ohne Bezüge zu lesbischen, schwulen und trans*-Themen oder Perspektiven auf entsprechende Lebenswirklichkeiten. LST* fühlen sich daher häufig nicht mit ihren Interessen und Zugehörigkeiten wahrgenommen und berücksichtigt. Es ist von kleinen, äußerst engagiert und oft ehrenamtlich arbeitenden LST*-Selbstorganisationen abhängig, ob es Angebote gibt und auf welcher Ressourcengrundlage diese bestehen. Da die Finanzierung dieser Selbstorganisationen im Bundesland äußerst gering ist, besteht ein grundsätzliches Defizit für kulturelle und politisch bildende Angebote, aber auch für solche der psychosozialen Beratung und Versorgung. Solcherart Angebote sind jedoch nicht alleinige Aufgabe von Selbstorganisationen. Die Unterversorgung lässt sich als Folge struktureller Diskriminierung beschreiben, also als Wirkung heteronormativer Vorstellungen, die das Handeln von Einzelnen und Institutionen bestimmen und dazu führen, dass LST* nicht oder kaum berücksichtigt werden.

[…weiterlesen…]