Fokus Schule

FOKUS SCHULE





Anne-Christin Schondelmayer

Der Umgang mit LST* – eine vergleichende Studie an zwei Schulen in Mecklenburg-Vorpommern

Studien zum Thema LST* haben gezeigt, dass der Umgang mit unterschiedlichen sexuellen und geschlechtlichen Lebensweisen in der Schule nach wie vor schwierig ist. Dies betrifft verschiedene Bereiche: Die Frage der Vermittlung von Wissen zur Thematik im Unterricht (vgl. Blumenthal 2014; Schmidt/Schondelmayer 2014), die Einstellung und der Umgang zwischen Schüler_innen untereinander (Klocke 2012; Krell Oldemeier 2015; Kleiner 2014), der Eingriff von Lehrkräften bei homo- und trans*feindlichen Äußerungen und Diskriminierungen (Huch/Lücke 2015; Hertling 2011; Pöderl et al 2009) sowie insgesamt das Schulklima in Bezug auf Anerkennung von Vielfalt.

Schule ist insofern für die Thematik von besonderer Bedeutung, als dass dies ein Ort der Wissensvermittlung ist, an dem Menschen für eine vielfältige und heterogene demokratische Gesellschaftvorbereitet werden (vgl. Huch/Lücke 2015: 7). Zugleich ist Schule ein sozialer Ort, an dem soziale und persönliche Identität im Austausch mit eben jenem Wissen und jenen Werten, aber auch mit Lehrkräften und insbesondere anderen Schüler_innen ausgebildet werden. Bezogen auf sexuelle und geschlechtliche Lebensweisen stehen Schule und Pädagogik daher vor verschiedenen Herausforderungen: Erstens muss Wissen zu dieser gelebten Realität vermittelt werden, zweitens müssen Schüler_innen und Lehrer_innen vor Diskriminierungen geschützt werden und drittens ist auch die Herstellungsweisen der Differenzierung zu reflektieren, also wie Normalitätsvorstellungen von Sexualität und Geschlecht in der Schule hervorgebracht werden (vgl. Hartmann 2015: 34).

Für die vorliegende Expertise haben wir auf der Basis dieser Befunde, die Einstellungen von Schüler_innen zu und den praktischen Umgang mit LST* an zwei Schulen in MV vergleichend untersucht. Dabei wird auch reflektiert, ob und wie Wissen zum Thema in der Schule vermittelt wird und welche Erfahrungen es mit Diskriminierung gibt. Dieser Artikel stellt das Untersuchungsdesign vor und gibt einen kurzen Einblick in die einzelnen Beiträge und ihre zentralen Ergebnisse.

Untersuchungsdesign
Die vergleichende Studie wurde von einem Forschungsteam an zwei Schulstandorten in MV im Frühjahr 2015 mit Schüler_innen der Klassen 7 bis 10 (Alter 12 bis 18 Jahre) durchgeführt. Durch den Vergleich sollte gewährleistet werden, dass einerseits Befunde nicht allein auf einen Ort zurückzuführen sind, sondern ein allgemeineres Bild über LST* und Schule in MV gezeichnet werden kann. Andererseits wollten wir damit mögliche Einflüsse auf Einstellungen und Praxis von Schüler_innen zu LST* durch unterschiedliche Schulkulturen untersuchen. Die Städte haben wir mit Pseudonymen versehen: Blumenstadt und Sportstadt. Die Schule in Blumenstadt ist eine reformpädagogisch– orientierte Gesamtschule, die Schule in Sportstadt ein leistungsorientiertes Gymnasium. Die Erhebungen kombinierten quantitative und qualitative Methoden. So wurden Gruppendiskussionen mit rund 90 Schüler_innen durchgeführt, in geschlechtshomogenen und geschlechtsheterogenen Gruppen. Die Gruppendiskussionen wurden mit der Frage eingeführt: »Wir interessieren uns dafür, inwiefern die Themen Geschlecht – Mädchen sein, Junge sein – und Sexualität, insbesondere Homosexualität, in eurem Schulalltag Themen für euch sind. Ist das ein Thema für euch, und wenn ja, wo redet ihr darüber, und wie redet ihr darüber?«

Danach entwickelten sich freie Gespräche der Schüler_innen, was ihnen die Möglichkeit gab, dem Thema eine eigene Relevanz zu geben. Die Gruppendiskussionen wurden auf Tonband aufgezeichnet und verschriftlicht. Zudem wurde eine Fragebogenerhebung mit 115 Schüler_innen durchgeführt. Der Fragebogen umfasste 27, in der Mehrzahl geschlossene Fragen. Die Fragebögen wurden im Anschluss an die durchgeführten Gruppendiskussionen ausgeteilt. Die Forschenden waren während der Beantwortung durch die Schüler_innen anwesend, um mögliche Nachfragen beantworten zu können.

Während die Fragebogenerhebung einen Einblick in Verteilungen liefert und mit bereits existierenden Studien der Einstellungsforschung abgeglichen werden kann – soweit wir Items übernommen haben – bieten die Gruppendiskussionen einen Zugang zu den Orientierungen der Schüler_innen und die Praxis des Umgangs der Schüler_innen miteinander sowie mit der Thematik. Ausgewertet wurden die Gruppendiskussionen mit der komparativen Analyse der Dokumentarischen Methode. Das Potential der Methode liegt darin, dass sie nicht nur zum reflexiven, sondern auch zu dem impliziten, das Alltagshandeln bestimmenden Wissen Zugang gewährt und so Aufschlüsse über die Handlungspraxis der Beforschten eröffnet (Bohnsack et al. 2013: 9). In der Analyse geht es nicht um ein Überprüfen des Wissens oder eines ›korrekten‹ Umgangs der Schüler_innen mit dem Thema, als vielmehr um für sie und ihre Alltagwelt typische Formen des Umgangs und was sie in ihrer Gruppe als selbstverständlich erleben. In Bezug auf das Schulklima konnte hier bspw. eine Gemeinsamkeit verschiedener Gruppen herausgearbeitet werden – die Konfrontation mit konfligierenden Haltungen zu LST* – und dann der je gruppenspezifische Umgang damit rekonstruiert werden.

Diese empirisch vergleichende Analyse, die auf eine objektive Bewertung während der Interpretation der Daten verzichtet, bietet die Möglichkeit tatsächlich vorhandene Handlungsmöglichkeiten und -spielräume zu erkennen. Eine solche Erkenntnis macht es möglich, Handlungsempfehlungen für die Praxis zu formulieren, die nicht an abstrakten Soll- und Wunschvorstellungen orientiert sind, sondern am konkreten Handeln und den Gegebenheiten der Praxis vor Ort. Mit der vergleichenden Studie erfolgt ein Einblick in die Einstellungen von Schüler_innen zu LST*, aber auch zu ihrer Schule, dem Schulklima und dem allgemeinen Umgang der Schüler_innen mit Heterogenität und Diskriminierung. Die Gruppendiskussionen eröffnen darüber hinaus einen vertieften Blick in den alltagspraktischen Umgang und die Frage, in welchem Kontext und auf welche Art und Weise LST*-Lebensweisen für Schüler_innen ein Thema sind.

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