Grußworte

GRUßWORTE

Manuela Schwesig

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Wer unsichtbar ist, wird nicht wahrgenommen, wird übergangen, kommt nicht vor, kann nicht mitwirken. Wer unsichtbar ist, ist aber auch geschützt, zumindest gut getarnt. Schwule, lesbische und Trans*Menschen kennen das: unsichtbar sein, ihre Identität zu verstecken, um den Preis, in ihrer Individualität nicht wahrgenommen zu werden. Der Verein Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern hat im Rahmen des Bundesprogramms »Demokratie leben!« das Modellprojekt »un_sichtbar« ins Leben gerufen, um die Ausgrenzungserfahrungen von Lesben, Schwulen und Trans* in Mecklenburg-Vorpommern – gestern wie heute – zu erforschen. Die Expertise schließt Leerstellen im Wissen um Lebensrealitäten von Lesben, Schwulen und Trans* im Bundesland und macht den Zustand von Unsichtbarkeit greifbar, den viele aus ihrem Alltag kennen.

Die Expertise zeigt, dass Sichtbarkeit auch heute noch gefährlich sein kann. Lesben, Schwule und Trans* in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo erleben nicht selten Diskriminierung und Gewalt, angefangen von Jugendlichen in der Schule. Eine gute Nachricht der Expertise ist aber: Ein positives Schulklima, also ein anerkennender, wertschätzender Umgang miteinander, ein demokratischer Alltag und Aufmerksamkeit für Diskriminierungen wirken sich auf die Einstellungen positiv aus. In unserer ganzen Gesellschaft gibt es einen spürbaren Wertewandel. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wird positiver gesehen und mehr akzeptiert. Auch die Unsichtbarkeit ist vorbei: Die Arbeit des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland trägt dazu ebenso bei wie Queerfilmfeste oder der »Landesaktionsplan für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt« von 2015 in Mecklenburg-Vorpommern.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt diejenigen, die sich für eine bunte Gesellschaft einsetzen, mit dem Bundesprogramm »Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit«. Dazu zählen Projekte gegen Trans*- und Homofeindlichkeit, darunter diese Expertise. Das Bundesfamilienministerium fördert außerdem unter anderem ein Projekt des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland »Beratungskompetenz zu Regenbogenfamilien« und macht mit einer Interministeriellen Arbeitsgruppe und mehreren öffentlichen Fachaustauschen die Situation und die Bedürfnisse trans*sexueller / trans* und intersexueller Menschen sichtbarer, auch für Politik und Gesetzgebung.

»un-sichtbar« gibt Schwulen, Lesben und Trans* in meinem Heimatland Mecklenburg-Vorpommern eine neue Sichtbarkeit. Dafür danke ich den Menschen, die an diesem Projekt gearbeitet haben, von Herzen. Auch für die Zukunft wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Vor allem wünsche ich dieser Expertise eine große Verbreitung. Mecklenburg-Vorpommern ist vielfältig und bunt – das muss noch viel sichtbarer werden!

Manuela Schwesig
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Ise Bosch

Gründerin und Geschäftsführerin Dreilinden gGmbH

»Wenn du dich bewusst zurücknehmen musst, ist das ein Einschnitt in dein Leben. Du kannst nicht frei agieren.« (Pat, in Gohla/Radvan, in dieser Expertise, S 50)

»Die empfundene Unsichtbarkeit der eigenen Lebensweise nimmt mit dem Alter zu, und kann mit Ausgrenzungs- und Vereinsamungserfahrungen einhergehen.« (Radvan/Hindemith in dieser Expertise, S 10)


»Von vielen Befragten werden Lebensorte außerhalb von MV in Erwägung gezogen, um Feindlichkeit und Exotisierung zu entgehen.« (ebd.)

Vorurteile sind nicht neu. Sie wurden schon immer gerne politisch genutzt – aber wann wurden sie dermaßen zelebriert wie derzeit? Von Populisten wie von erfahrenen Politikerinnen, von staatlichen Beamten, mit Echo von sogenannten Leuten von der Straße, mit Echo wiederum auf dieses Echo: Vorurteile gegen Medien, gegen Musliminnen, Geflüchtete, Feministen – und eben auch gegen Lesben, Schwule, Transgender (dieses Themas bedienen sich gerne auch kirchliche Amtsträger).

Toleranz ist nicht einfach, Akzeptanz schon gar nicht. Für Einzelne und für uns alle miteinander. Die deutsche Gesellschaft ist da hochgradig vorbelastet, hat sich seither mächtig ins Zeug gelegt – und nun? Ich frage mich, wissen die Verantwortlichen, wie unverantwortlich sie handeln?

Geht es uns denn wirklich so schlecht? Für wie labil halten wir uns eigentlich? Was spricht eigentlich dagegen, Ausgrenzung aktiv entgegenzutreten, statt sie mit »Bauchgefühlen« zu befördern? Haben wir Homo- und Trans*feindlichkeit nötig? Lohnt sie sich? Wie kommen diese Menschen dazu, ein gesamtgesellschaftliches, tiefgehendes Thema – sexuelle und geschlechtliche Diversität – mal schnell ins soziale Abseits zu stellen, noch dazu ohne Expertise?

In dieser Studie kommen die Expert_innen in Sachen Homo- und Transfeindlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern zu Wort. Hier finden sich spezifische Aspekte zur Lesben-Verachtung, zur Erfahrung von Trans*Jugendlichen, geschlechtersensibler Erziehung, zu Schule ohne sozialen Stress. Hier manifestiert sich die Resilienz, die wir alle brauchen!

Beim Lesen der Beiträge ergibt sich ein erstaunlich und erfreulich vielfältiges Bild – mit Schmerzhaftem, mit Bitterkeit, mit Trauer – und mit Licht, Lebensfreude, Widerstandsfähigkeit, Energie.

In Zeiten, in denen die Vorurteile zunehmen, sollten wir sehr deutlich sagen, wofür wir sind – das »dagegen« ergibt sich daraus. Für alle (gegen Nazis und alle Fundamentalismen) – für Respekt im Umgang unter Fremden, für Gleichberechtigung zwischen Mädchen und Jungen (gegen das Gerede von »Gender-Ideologie«), für freie und liebevolle Beziehungen unter Nahestehenden, für die Möglichkeit »frei zu agieren«, für Einbeziehung statt »Ausgrenzung«, für Voneinander Lernen statt «Vereinsamung«, für eine gutes und relativ freies Leben in den Weiten von Mecklenburg-Vorpommern.

Dank allen Auskunft gebenden für ihre Offenheit, dem Team des Vereins »Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern« für ihren nachhaltigen Einsatz sowie der Amadeu Antonio Stiftung! Gemeinsam haben sie mit dieser bahnbrechenden Studie eine Wissenslücke geschlossen.