Homo- und Trans*feindlichkeit unter Jugendlichen – was hat das mit Geschlecht zu tun?

Homo- und Trans*feindlichkeit unter Jugendlichen – was hat das mit Geschlecht zu tun?








Marie Wilpers

Während sich die anderen Arbeiten mit dem Zusammenhang zwischen Homo- und Trans*feindlichkeit und Alter, jeweiligem Schulklima und dem Stellenwert von Rechtsextremismus beschäftigen, untersuche ich das Phänomen unter einer geschlechterreflektierten Perspektive. Den Analysefokus auf die Kategorie Geschlecht habe ich deswegen gewählt, weil sich in den Selbstverständnissen der Jugendlichen in Bezug auf die Themen Geschlecht und Sexualität zeigt, inwiefern gleichgeschlechtliche Beziehungskonstellationen und transgeschlechtliche Geschlechtsidentitäten als selbstverständlich anerkannt werden (können) oder es sich bei der Anerkennung nur um einen verbalen Akt handelt. Denn solange Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit die Norm darstellen, bleiben gleichgeschlechtliche und Trans*Lebensweisen als normabweichend stigmatisiert und finden keine Anerkennung als selbstverständlichen Teil einer vielfältigen Gesellschaft.

Herangehensweise

Für meine Arbeit führte ich drei Gruppendiskussionen mit geschlechtlich unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen durch: Jungen (Gruppe »Volleyball«), Mädchen (Gruppe »Sonnenblume«), Jungen und Mädchen (Gruppe »Baseball›). In der Auswertung achte ich darauf, die Aussagen der Jugendlichen nicht auf ihre jeweilige Geschlechtszugehörigkeit zurückzuführen und damit essentialisierende Geschlechterstereotype (nach dem Motto »die Mädchen sind…«) zu reproduzieren. Stattdessen richte ich das Augenmerk darauf, wie im Sprechen in der Gruppe über Geschlecht geredet wird und frage danach, wie die Gruppen Geschlecht bestimmen, wie sie sich darauf beziehen und welche Funktion ihre Bezugnahme auf Geschlecht erfüllt.

Ergebnisse

1. Heteronormativität
Alle drei Gruppendiskussionen haben deutlich gezeigt, dass die Wirkmächtigkeit von Heteronormativität auch auf das Normenverständnis der Jugendlichen einwirkt. Das lässt sich an Hand von verschiedenen Beispielen verdeutlichen. Zum einen setzen alle Gruppen den Begriff normal mit heterosexuell gleich. Während die Heterosexualität einer Person unbenannt bleibt (man ist ja schließlich normal), erfährt eine gleichgeschlechtlich lebende Person Erwähnung und Kommentierung. So heißt es bspw. in einer Gesprächssequenz der Gruppe »Volleyball«:

Fm: Zum Beispiel einen Schwulen, den ich kenne, der kleidet sich auch ganz normal (2) wie normale Jungs. (.)
[…] Es gibt ja den Schwulen, der sich einfach ganz normal (.) ist wie wir ist, aber schwul

(Gruppe »Volleyball«, Passage »Erkennbarkeit von Schwulen« Z 141-145)

Interessant ist hierbei nicht nur die Gleichsetzung von normal mit heterosexuell, sondern darüber hinaus die Abrufung eines Wir über die Beschreibung der Selbstgruppe als normal, sprich heterosexuell. Hiermit wird deutlich, wie Jugendliche Gruppenzugehörigkeiten herstellen und von der Norm abweichende Personen Ausschluss erfahren (können). Während heterosexuell orientierte Jugendliche unkommentiert dazu gehören, müssen sich LSBT*Jugendliche erklären, rechtfertigen oder ihre Normalität erst unter Beweis stellen: »Der kleidet sich auch ganz normal (2) wie normale Jungs« – obwohl er schwul ist, möchte man hinzufügen.

2. Die Macht der Zweigeschlechtlichkeit
Wenngleich gleichgeschlechtlich lebende Menschen von den untersuchten Gruppen als anders stigmatisiert werden, so bleiben sie doch innerhalb der binären Sexualitätsordnung (hetero- versus homosexuell) für die Jugendlichen greif- und damit tolerierbar. Im Gegensatz dazu haben es transsexuelle und insbesondere trans*geschlechtlich lebende Personen wesentlich schwerer. Für die Jugendlichen sind sie nicht einordnenbar in der binären Geschlechterordnung aus Mann und Frau. Während Trans*sexuelle zumindest über ein eindeutiges Zielgeschlecht verfügen, bringen trans*geschlechtliche Personen das Normverständnis der Jugendlichen deswegen ins Wanken, weil sie ihre Geschlechtsidentität explizit in der Trans*geschlechtlichkeit verorten – ohne sich für ein Geschlecht zu entscheiden. Die Strategie mit dieser Uneindeutigkeit umzugehen, ist allen Gruppen gemein: Sie suchen nach dem eigentlichen/wahren Geschlecht von Trans*Person, welches es nach Ansicht der Gruppen geben muss. So heißt es bspw. in einer Gesprächssequenz der Gruppe »Baseball« zum Thema Conchita Wurst:

Cm: War das jetzt eigentlich n Mann oder äh ne-?
Em: Das ist n Mann.
Gf: Es ist n Mann.
Cw: Das ist n Transvestit
Dm: °Es ist ja die Frage, was es vorher war.

(Gruppe »Baseball«, Passage »Trans* und Conchita Wurst«: Z 439-463)

Alle Gruppen sind sich darin einig, dass Geschlecht als performativer Akt Handlungsspielraum für gender-nonkonformes Verhalten lasse, das ursprüngliche Geschlecht allerdings biologisch determiniert und damit unveränderbar sei. Laut der Gruppe »Volleyball« könne sich ein Mensch zwar wie ein anderes Geschlecht fühlen, aber sein könne man es nicht. Dieses Sein machen die Gruppen an den Genitalien fest. Aus Sicht der Gruppe »Sonnenblume« mache einen das Einnehmen von Hormonen und damit Wachsen von Brüsten noch nicht zur Frau, dafür bedürfe es einer operativen Angleichung der Geschlechtsteile. Die Gruppe »Baseball« spricht von einem Entscheidungszwang hinsichtlich der Genitalien: mit der Geschlechtsidentität könne man spielen, aber »beim Geschlechtsteil [muss man sich natürlich] entscheiden« (Gruppe »Baseball«, Passage »Trans* und Conchita Wurst« 474). Abgesehen von diesen fallübergreifenden Gemeinsamkeiten gibt es aber auch Unterschiede in der Verhandlung des Themas Trans*. Die Gruppe »Volleyball« diskutiert das Thema Trans* in Hinblick auf die (Un-)Vereinbarkeit von Trans*Sein mit Elternschaft.

In der diesbezüglichen Diskussion dokumentiert sich eine Wahrnehmung von Trans* als Geschlechtsidentitätsstörung, die einen dazu delegitimiere Kinder zu haben: Wenn man mit seiner Geschlechtsidentität nicht zurechtkomme, solle man auch keine Kinder in die Welt setzen, lautet das Argument. Hier zeigt sich eine pathologisierende Sichtweise auf Trans*. Die Gruppe »Sonnenblume« zeigt sich in Bezug auf das Thema Trans* ebenfalls gespalten. Während eine Teilnehmerin bezugnehmend auf befreundete/verwandte Trans*Personen von der befreienden Wirkung einer Transition spricht, setzt ihr eine Andere ihre Verstörung über den Widerspruch zwischen biologistischer Determination (»man sieht schon eindeutig, dass das nun mal Männerbeine sind« (Gruppe »Sonnenblume, Passage »Trans*« 498) und Gender-Nonkonformität entgegen. An anderer Stelle haftet der Beschreibung von Trans*Personen ein exotisierender Nimbus an, wie der folgende Gesprächsauszug über eine bekannte trans*feminine Person im Ort veranschaulicht:

Cf: Genau der hat übelst krasse Beine so, also der kann auch richtig gut tanzen, so wie n Mädchen?
f: Ja der hat auch immer Highheels an und kann darauf laufen

Cf: @Ja:@ ich find das richtig kra:ss. Ja, der kann da wirklich darauf laufen.
(Gruppe »Sonnenblume«, Passage »Trans*«: Z 526-535)

Wie hier deutlich wird, betrachtet die Gruppe »Sonnenblume« Trans*Personen mit einer exotisierenden Faszination für ihre Fähigkeit zu gegengeschlechtlichen Aneignungen. Dabei wird wieder einmal deutlich, wie das kollektiv geteilte Verständnis von heteronormativer Normalität reguliert, wer als normal gilt und »wem dagegen […] Auffälligkeit, Übertriebenheit oder Extrovertiertheit zugeschrieben wird und wer folglich exponiert wird und nicht intelligibel ist« (Kleiner 2015: 257). Die Gruppe »Baseball« hebt den Vereindeutigungszwang hervor: man müsse sich für ein Geschlecht entscheiden:

Bf: Ja, ähm (.) ah Conchita findet, dass sie ähm beides ist zu gleichen Teilen, also Mann und Frau beides und sie kann sich nicht entscheiden (.) sie ist fifty-fifty

(Gruppe »Baseball«, Passage »Trans* und Conchita Wurst«: Z 470-495)

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