Perspektiven auf Diskriminierung, Homophobie und Rechtsextremismus

Perspektiven auf Diskriminierung, Homophobie und Rechtsextremismus












Ruven Krause

Auf den ersten Blick scheinen im öffentlichen Diskurs viele Tabus im Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gefallen zu sein. Die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2014, Conchita Wurst, oder das Coming-out des ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzlsperger sind nur zwei Beispiele für eine vorgebliche gesellschaftliche Enttabuisierung. Andererseits stehen dieser scheinbaren sozialen Akzeptanz die Erfahrungen von LGBTI-Personen gegenüber, die in ihrem Alltag häufig mit Klischees und Diskriminierung konfrontiert sind (vgl. Schmidt et al. 2015). Gerade LGBTI-Jugendliche erleben in einer durch heteronormative Strukturen geprägten Gesellschaft anders zu sein als Menschen, die als ›Normale‹ gelten. Sie sind einem erhöhten psychischen Stress durch ihre Umwelt ausgesetzt. Drastischstes Kennzeichen ist das erhöhte Suizidrisiko von LGBT-Jugendlichen (vgl. Biechele et al. 2001; SENSJS Berlin 1999).

Ergebnisse aus nationalen und internationalen Studien zeigen, dass die wichtigsten Lebensbereiche für Jugendliche, wie Familie, Schule und peergroup, zugleich auch die homophobsten sind. Hier treffen LGBT-Jugendliche besonders häufig auf Vorurteile und Diskriminierung (vgl. u.a. Takács 2006; Schwules Netzwerk NRW 2005). Gerade der schulische Alltag ist geprägt durch »homophobes Verhalten und Unwissen über sexuelle und geschlechtliche Identität« (Kempe-Schälicke 2015: 243). Die Schulzeit ist somit eine Lebensphase, in der Jugendliche besonders vulnerabel erscheinen, da sie sich während dieses Zeitraums in ihrer sexuellen Findungs- und Identitätsbildungsphase befinden.

Vor diesem Hintergrund zielt der Artikel darauf ab zu untersuchen, wie Schüler_innen über die Themen gleichgeschlechtliche Lebensweisen und sexuelle Vielfalt sprechen. Ein Fokus liegt auf der Frage, welche Rolle hierbei diskriminierende, homofeindliche Äußerungen spielen und in welcher Weise sich Jugendliche über das Thema Neonazis/Rechtsextremismus äußern. Heitmeyer (2002–2012) zeigte in seiner quantitativen Langzeitstudie »Deutsche Zustände«, dass Homofeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit häufig Hand in Hand gehen: Personen, die eine Außenseitergruppe, etwa Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung, abwerten, tendieren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit dazu weitere Außenseitergruppen wie Einwander_innen abzulehnen (vgl. ebd.). Der vorliegende Artikel geht der Frage nach, inwiefern Rechtsextremismus und Homosexualität eine Rolle im Leben der Schüler_innen spielt. Welche Bedeutung kommt dabei Männlichkeitskonzepten zu und inwiefern beeinflussen diese die Orientierungen der Jugendlichen? Die peergroup ist von besonderer Bedeutung, da sie nach Bohnsack et al. (1995: 9) der zentrale soziale Ort jugendspezifischer Erfahrungsbildung und -artikulation ist. Daher werden mittels der dokumentarischen Methode die kollektiven Lebensorientierungen von Jugendlichen einer Gruppe nachvollzogen. Dazu wurden fünf Gruppendiskussionen mit Schüler_innen durchgeführt.

Die Methode der Gruppendiskussion bietet einen Zugang zu kollektiven Wissensbeständen, indem in ihr kollektiv geteilte, milieuspezifische Erfahrungen und Orientierungen zum Tragen kommen,die im Anschluss vom Forscher rekonstruiert werden können (vgl. u.a. Bohnsack 2007; Loos und Schäffer 2001). Für die folgende Analyse wurden im Sinne eines maximalen Vergleichs zwei Gruppen desselben Gymnasiums in Sportstadt gewählt: Die Diskussionsgruppen setzen sich aus jeweils sechs männlichen Jugendlichen einer achten Klasse (Gruppe Tennis) und einer zehnten Klasse (Gruppe Fußball) zusammen. Im Weiteren werden die Kernelemente dargestellt, die den jeweiligen Orientierungsrahmen der Gruppen ausmachen und handlungsleitend für sie sind. Anschließend werden wesentliche Erkenntnisse diskutiert und Zusammenhänge zwischen den Einstellungen der Jugendlichen aufgezeigt.

1. Die Gruppe Tennis

Abwertung der von den eigenen Normalitätsvorstellungen abweichenden »Anderen«

Den Jugendlichen der Gruppe Tennis fällt es schwer, vergleicht man das Reden über das Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen und sexuelle Vielfalt mit anderen für diese Untersuchung geführten Gruppendiskussionen, hierüber zu sprechen. Ein Unbehagen deutet sich auf der performativen Ebene durch anhaltendes Kichern sowie häufige und lange Pausen zwischen den Redebeiträgen an. Das Selbstbild der Gruppe Tennis entsteht vor allem in der Abwertung von »den Anderen.«

Von Beginn des Gesprächs an zeichnet sich ein Zwiespalt ab, in dem sich die Jugendlichen befinden. Auf der einen Seite scheinen sie davon auszugehen, dass es eine Erwartung gibt, gleichgeschlechtliche Lebensweisen und sexuelle Vielfalt anzuerkennen. Auf der anderen Seite widerspricht Homosexualität – so zeigen die Rekonstruktionen der Gruppendiskussionen – den Normalitätsvorstellungen ihrer heteronormativ geprägten Lebenswelt. An diesem Zwiespalt arbeitet sich die Gruppe im Verlaufe der Diskussion ab. Ein Spannungsbogen baut sich sukzessive auf, der schließlich in der Schlusssequenz in eine Positionierung der Gruppe kulminiert.

Prägung durch das sozialräumliche Umfeld

Bereits in den ersten Gesprächssequenzen kristallisiert sich ein Kernmotiv heraus, das ausschlaggebend für den Orientierungsrahmen der Gruppe Tennis ist: die Orientierung der Jugendlichen an den Normalitätsvorstellungen und der Handlungspraxis ihres sozialräumlichen Nahfeldes, hier der Eltern und der Dorfgemeinschaft.

Die Warnungen von Cm’s Mutter bspw., »bei solchen [schwulen] Leuten vorsichtig zu sein, vor allem wenn sie älter sind« (GD Tennis, Eingangssequenz, 24–25) sowie Cm’s Verweis auf den öffentlichen Diskurs »man liest ja immer so« (GD Tennis, Passage »Fiese Leute« 2) in der folgenden Sequenz deuten eine Einsozialisation in Vorstellungen an, mit denen Schwul-Sein und Pädosexualität verknüpft werden.

Cm: Ja also ((räuspert sich )) also ich hab also damals als ich klein war dacht ich immer, dass das so fiese Leute sind [Schwule], weil man sie ((räuspert sich)) man liest ja immer so und Sachen das so, das ist ja auch so (.) ja schwule Leute so Kinder schänden und dann @(.)@ (.) ja und jetzt find ich das eigentlich gar nicht mehr so schl- äh schlimm

(GD Tennis, Passage »Fiese Leute«: Z 1-5)

Der Umgang mit Differenz fällt den Jugendlichen schwer, wie auch die anschließende Sequenz zeigt, in der Em seine erste Begegnung mit einem schwulen Verwandten und dessen Freund schildert.

Em: Ja von meinem Onkel der Bruder, der (.) ist auch schwul und das erste Mal, wo er da seinen Freund mitgebracht hatte, aufn Geburtstag, hab ich auch irgendwie ein bisschen komisch gefühlt (.) weil ich wusst nicht, wie das jetzt finden sollte. Also da war ich auch erst zweite oder dritten Klasse (.) und ja, weiß ich nicht (3) da hatten (die) da standen die da auch in der Ecke und ja weiß ich nicht ( ) (2) ich mein irgendwie auch so ein kleines Kindheitstrauma @(3)@ ((alle lachen)) das soll jetzt nicht böse klingen, aber ich weiß nicht (.) das (fängt) werde ich nie vergessen

(GD Tennis, Eingangspassage »Der schwule Verwandte)

Das schwule Paar stand während der Geburtstagsparty »in der Ecke«, einen direkten Kontakt zu den beiden Männern hat es wohl nicht gegeben. Auch geht Em nicht näher darauf ein, was sie auf der Party gemacht haben. Trotzdem scheint dieses Ereignis ihn nachhaltig geprägt zu haben. Er beschreibt es als »kleines Kindheitstrauma«, das er »nie vergessen« wird.

An anderer Stelle gibt Em Einblicke in das Leben seiner Dorfgemeinschaft. Auch hier lassen sich Rückschlüsse auf die Sozialisierung der Jugendlichen in die Dorfgemeinschaft ziehen. Die soziale Kontrolle im Dorf, »wo jeder jeden kennt«, erscheint dicht. Nach Em gab es dort »mal welche«, die »irgendwie auch so ausgeschlossen wurden.« Auf Nachfrage des Interviewers und der Bitte um Konkretisierung erwähnt Em »zwei Schwule«, die von der Dorfgemeinschaft sozial isoliert wurden und schließlich wegzogen. Indem Em von »uns« spricht, betont er die dörfliche Gemeinschaft und grenzt sie zugleich von den beiden schwulen ›Außenseitern‹ ab, die er unpersönlich als »solche« bezeichnet und die nicht in die lokalen Strukturen zu passen scheinen. Ihre Andersartigkeit bildet den negativen Gegenhorizont zur als homogenem Gebilde beschriebenen Dorfgemeinschaft (vgl. GD Tennis, Passage »Gleichgeschlechtliche Lebensweisen auf dem Dorf«).

Homosexualität und Vorstellungen von Männlichkeit
Homosexualität wird während der Diskussion meist auf unerwünschte körperliche Annäherung bzw. sexuelle Übergriffigkeit reduziert und als Bedrohung beschrieben. So berichtet Bm bspw. von Gerüchten bezüglich sexueller Übergriffe auf Fahrschüler von einem homosexuellen Betreiber einer Fahrschule. Die angeblichen Übergriffe kennt Bm nur vom Hörensagen, er scheint die Vorwürfe aber als »wahr« zu erachten. Solche Vorfälle führen seiner Meinung nach zu Ressentiments und »Ablehnung« gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen (vgl. GD Tennis, Eingangspassage »Fahrschule in X-Stadt«).

Zärtlichkeiten zwischen Männern wollen die Jugendlichen »nicht sehen« und werten sie als »ekelhaft« ab (vgl. GD Tennis, Passage »Selbstpositionierung«, 6–8). Cm legitimiert indirekt Gewalt gegen Homosexuelle, die sich in der Öffentlichkeit küssen (»Ich mein (…) es muss auch nicht sein in der Öffentlichkeit (…) ich will jetzt nicht unbedingt eine kassieren, weil ich mich mit jemand anderem küsse also mit ne Jungen also«, vgl. ebd., 21–23). Er versetzt sich in die Situation hinein und ist sich bewusst, dass man Gewalt erfahren kann, wenn Verhaltensweisen von den Normalitätserwartungen des eigenen Nahfeldes abweichen, kritisiert dies jedoch nicht. Er empfindet zwei sich küssende Jungen bzw. Männer vielmehr als »widerlich.« In seiner emotionalen Abwertung von Zärtlichkeiten ähnelt CM seinem Vater, wie der folgende Gesprächsauszug verdeutlicht.

Cm: Ja also also ich mein Vadder ist es ja so ähm (.) na ich weiß auch nicht (.) es ist einfach, ich mag auch nicht so also ich find durchaus so nette Leute, aber ich find jetzt auch nicht so so Leute, die so so oh komm lass mal shoppen gehen ((äfft eine scheinbar schwule Tonlage nach)) und so was also einfach, ich find das echt widerlich, wenn also wenn so jemand so ankommt also (.) ich kann das auch gar nicht ( ) mein Vadder, weiß auch nicht, mein Vadder mag auch nicht so (.) selbst wenn er so mit nem Auto fährt da und denn so seine Arbeitskollegen a- ärgern ihn immer so wenn sie durch die Kurven fahren, sie alle so in kurzen Hosen sind, dann kommen sie extra noch so ran so, joa @(2)@ und mein Vadder, der ist dann immer schon so, (weiß nicht), aggressiv ( ) der mag das einfach nicht so, (weil) (.) Jungs Jungs so Körperkontakt, das ist einfach (.) ich hab ( ) @(widerlich)@

(GD Tennis, Passage »Selbstpositionierung: Z 32-40)

Cm lacht zwar über das Verhalten seines Vaters, distanziert sich jedoch nicht von dessen aggressiver und homophober Reaktion, sondern, im Gegenteil, positioniert sich auf ganz ähnliche Weise. Homosexualität wird im Verlauf der Diskussion fast ausschließlich auf Männer bezogen. Nur in einer Passage des Diskurses, in der die Jugendlichen von ihrer lesbischen Mitschülerin berichten, beziehen sie sich auf weibliche Homosexualität. Auch in dieser Passage wird die Schwierigkeit der Jugendlichen im Umgang mit Differenz deutlich. Die Diskutanten betonen zum wiederholten Mal die Homogenität der eigenen Gruppe und grenzen sich von ihrer Mitschülerin ab, die sowohl aufgrund ihres Alters als auch ihrer sexuellen Orientierung als »anders« konstruiert wird.

Bm: (…) also wir sind ja relativ gleich und sie ist eben schon schon sehr anders was viele Punkte betrifft so alterstechnisch, auch ihre Orientierung geschlechtliche Orientierung (…)

(GD Tennis, Passage »Die Neue«: Z 39-40)

Die Schülerin wird anschließend als »relativ abwertend«, »ziemlich eitel« und »nicht der netteste und beste Mensch« beschrieben. Sie denkt, sie sei »was Besseres.« Die Jugendlichen distanzieren sich von ihrer Mitschülerin, ihre vorgeblichen negativen Charaktereigenschaften fungieren als Gegenhorizont zur eigenen »Wir«-Gruppe. Ein Lesbisch-Sein fungiert hier neben weiteren Zuschreibungen als Abwertung und Abgrenzung von der Person.

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