Portraits

Portraits




























Lisa Gohla, Heike Radvan

Zwischen Selbstbestimmung, Diskriminierung, Gewalt und Widerständigkeiten
»Ich kenn viele, da bricht alles zusammen.«

Monika wächst in den 1970er Jahren in einem Dorf in MV auf. Zu dieser Zeit gilt sie noch als Junge. Bereits mit vier Jahren wusste sie, was sie wollte, jedoch nicht, wie sie es erreichen konnte: »Zu DDR-Zeiten war das absolut unmöglich, das gab es nicht. Man schwebte in der Luft herum und wusste nicht, was man eigentlich ist.« Monika versuchte, die Rolle als Junge zu erfüllen, ihr gerecht zu werden. Sie fühlte sich dabei unwohl, denn es entsprach nicht der Vorstellung und dem Gefühl zu ihrem Körper. In der DDR gab es kaum Wissen über Trans*sexualität, dementsprechend wusste Monika nichts über Möglichkeiten von geschlechtsangleichenden Operationen, die es in diesen Jahren in anderen Ländern durchaus schon gab. Die Aussichtslosigkeit und der vorhandene Druck, als Junge und Mann leben zu müssen, führten zu selbstverletzendem Verhalten. Mit dem politischen Umbruch 1989 verändern sich diesbezügliche Möglichkeiten. Allerdings dominiert auch im wiedervereinigten Deutschland unter Therapeut_innen die Vorstellung, dass ein Verbleiben im biologisch angeborenen Geschlecht der einzig mögliche und richtige Weg sei.

So ist auch Monika zunächst damit konfrontiert, dass ihr in der Therapie ein Leben als Mann nahe gelegt und eingeredet wird. Nach einer mehrjährigen Therapie begibt sie sich auf den Weg der angleichenden Operationen, ein psychisch und körperlich äußerst anstrengender Prozess. Die Operationen lässt sie in Berlin durchführen, das medizinische Angebot ist in dieser Zeit in MV weniger vertrauenswürdig, da es kaum Erfahrungen unter den Mediziner_innen gibt. Zurück in MV ist sie mit diskriminierenden Aussagen von Menschen konfrontiert, die um ihre Angleichung wissen; anderen Personen fällt dies nicht auf: »Ich versuche, so gut es geht, mich anzupassen.

Damit ich nicht so stark auffalle und nicht so ein Phantasiegeschöpf bin.« Heute fühlt sie sich wohl und das vor allem, weil sie regelmäßig an einem Gruppentreffen von Menschen in ähnlichen Situationen teilnimmt. Es findet einmal monatlich in einer Begegnungsstätte in ihrem Wohnort statt. Für ihre Familie war es sehr schwierig anzuerkennen, dass Monika als Frau leben möchte. Monika betont das Engagement ihrer Mutter – ohne dies wäre sie sicherlich von ihrer Familie verstoßen worden: »Ich kenne viele, bei denen alles zusammengebrochen ist. Meine Familie hätte mich auch wie eine heiße Kartoffel fallen lassen damals, aber nach zehn Jahren habe ich wieder zu einigen Kontakt.« Monika kennt Lebensgeschichten von Trans*, die in ihrer Einsamkeit, vor allem nach dem Ausstoß aus der Familie, zum Alkohol greifen und an Depressionen erkranken.

Die Geschwister haben Monika lange ausgelacht – und nicht unterstützt. Heute sei der Kontakt wieder regelmäßig und normal, vor allem durch ihre Neffen und Nichten, um die sich Monika häufig kümmert. Ihre Erfahrung: »Die Kinder vertragen das am besten.« Die Situation für Trans* ist auch in der Gegenwart kompliziert. So gibt es im Bundesland keinen Arzt, der angleichende Operationen durchführt. Die nächsten Städte, in denen dies möglich ist, sind Hamburg und Berlin. Nach wie vor ist eine Psychotherapie notwendig und ein Gutachten, mit dem nachgewiesen wird, dass die Person »erfolgreich« mindestens ein Jahr mit der neuen Identität gelebt hat: »Das ist immer schwierig. Es ist gerade die Zeit, wo man ausgelacht wird. Denn man sieht noch nicht so aus, wie man sein möchte.« Anfeindungen in der Öffentlichkeit haben – im Vergleich zu vor zehn Jahren – aus Monikas Sicht abgenommen. Dennoch überlegt sie genau, welche Veranstaltungen, Festivitäten sie besuchen kann, und welche sie meiden sollte, um Anfeindungen zu verhindern.

»Warum muss ich immer wieder ins Krankenhaus, anstatt die Nazis ins Gefängnis?«

N. lebt seit 2015 in einer Universitätsstadt in MV. Er ist vor einigen Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen. In Syrien war der Alltag aufgrund seiner Homosexualität gefährlich, er erlebte Diskriminierung, Gewalt und musste ins Gefängnis. In Syrien sind homosexuelle Handlungen verboten, gelten als »widernatürlich« und werden mit Gefängnisstrafen geahndet. Eine Verschärfung dieser Gesetzgebung und Verfolgungspraxis brachte der zunehmende Einfluss islamistischer Gruppierungen in den vergangenen Jahren mit sich.

Seit seiner Ankunft im Bundesland hat N. verschiedene Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen erlebt. Dabei ist nicht immer ersichtlich, wodurch die Täter_innen sich zur Ausübung von Gewalt veranlasst sehen. N. nennt als mögliche »Auslöser« dieser Gewalt seine Homosexualität, einen zugeschriebenen westlichen Lebensstil und seine syrische Herkunft. Seine ehemaligen Nachbar_innen belästigten und bedrohten ihn tagtäglich. »Einmal haben sie mir ein Messer vor die Tür gelegt. Ich habe es durch den Spion beobachten können. Sie riefen dabei »Schwuchtel«, »scheiß Ausländer« und »Wir töten dich›.« Mehrere Male wurde er verbal und physisch von Neonazis attackiert. Infolge von Übergriffen musste er im Krankenhaus behandelt werden: »Als ich das letzte Mal aus dem Krankenhaus kam, wurde ich wenige Wochen später wieder von Nazis geschlagen.

Ich frage mich: Warum muss ich immer wieder ins Krankenhaus, anstatt die Nazis ins Gefängnis?« Infolge dieser Übergriffe und der Ereignisse in Syrien leidet N. unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Obwohl N. wegen der Bedrohungssituationen und der Folgen bereits umgezogen ist, verlässt er seine neue Wohnung nur, um Lebensmittel einzukaufen. Doch auch dort fühlt er sich nicht sicher. Seine Fenster hat er mit Papier abgeklebt, um sich nicht beobachtet zu fühlen. Er selbst beschreibt seine Wohnung daher wie ein selbst gestaltetes Gefängnis, das ihm zumindest ein Minimum an Sicherheit vermittelt. Denn: »Ich bin der einzige Ausländer im Haus. Alle anderen sind Deutsche und haben Angst vor mir. Es grüßt nie einer zurück.« Die Vermieterin verlangt von ihm, dass er in seiner Wohnung kein arabisch spricht und »begründet« dies damit, dass sich die Nachbarschaft gestört fühlen würde. Sie fordert, dass N. sich zu assimilieren und anzupassen habe. Sie sagt, dass man in Deutschland einfach keine Ausländer mögen würde. N. fügt hinzu: »Sie wollte mich kündigen, weil ich zu laut sei. Das stimmte nicht. Da habe ich mir einen Anwalt genommen.« Er informiert sich ausführlich über juristische Fragen und erhält vor Gericht mehrmals Recht. N. ist im regelmäßigen Kontakt mit der Polizei und seinem Anwalt. Unterstützung bekommt er seit dem ersten Übergriff auch von LOBBI e.V., der landesweiten Opferberatung für Beistand und Information für Betroffene rechter Gewalt in MV. Der Verein unterstützt Opfer rechter Gewalt und betreibt Öffentlichkeitsarbeit. LOBBI berät N. in rechtlichen Angelegenheiten und versucht, für ihn eine andere Wohnung zu finden. Sehr gern würde N. nach Berlin ziehen. Seine bisherigen Erfahrungen bei Aufenthalten in Berlin waren sehr positiv. Er erhofft sich von einem Umzug eine Verbesserung seiner Wohn- und Lebenssituation. Er möchte gern in Deutschland leben, aber es fällt ihm schwer, Vertrauen zu Einheimischen zu finden, da ihm bisher viel Ablehnung, Hass und Gewalt begegnet sind. Momentan ist es sein einziger Wunsch nach Berlin zu ziehen, um sich dort frei und individuell entfalten zu können.

»Ich bin ein Junge. Ich bin nur in einem weiblichen Körper geboren. Das ist sozusagen meine Hülle.«

Thieß hieß früher Thea. Schon sehr früh wusste er, dass ihn etwas von anderen Kindern unterscheidet. Soweit er sich erinnern kann, wollte er ein Junge sein. Bereits mit drei Jahren macht er deutlich, dass er keine langen Haare tragen möchte. Da er es verbal nicht mitteilen konnte, riß er sich die Haare buchstäblich vom Kopf. Als seine Eltern verstanden, worum es ihm geht, kamen sie seinem Wunsch nach. Als seine Tanten einige Jahre später sagten, dass ihm später große Brüste wachsen werden, antwortete er, dass er sich in diesem Falle »die Nippel abschneiden« würde.

Angesichts dieser deutlichen Ablehnung alles Weiblichen, waren seine Eltern, aber auch Thieß, selbst ratlos. Biologisch gesehen war der Körper weiblich, Thieß‘ Gefühl zu seinem Körper, seine Selbstwahrnehmung jedoch waren männlich. Heute sagt er: »Ich weiß auch nicht genau, was das Männliche in mir ist. Ich will biologisch einfach anders (männlich) sein. Dieses Verlangen, dieses Streben danach, endlich im richtigen Körper zu leben. Ich denke, dass das das Männliche in mir ist, der Rest ist mein Charakter.«

Mit der Pubertät und der Motivation, dass die weiblichen Brüste verschwinden, beginnt Thieß, sehr viel Sport zu machen. Doch die Diskrepanz zwischen dem eigenen Körper und dem Wunsch, »männlich« zu sein, verringert sich nicht. Das Problem ist für ihn und seine Eltern spürbar, zu dieser Zeit jedoch noch nicht in Worte zu fassen. Das ändert sich, als eine Ärztin in der achten Klasse bei einer Schuluntersuchung den Befund »Identitätsstörung« attestiert. Gründe für diese durchaus als Pathologisierung zu kritisierende Zuschreibung liegen für sie darin, dass Thieß Unterwäsche trägt, die eher dem männlichen Geschlecht zuzuordnen sei. Die Benennung eines Problems jedoch hilft der Familie im Umgang damit. Thieß sagt: »Zu Hause zeigte ich den Zettel meinen Eltern. Die waren nicht überrascht. Sie waren eher erleichtert, weil sie nun wussten, was eigentlich mit mir los ist.« In der Folge suchen die Eltern psychologische Unterstützung und Thieß hat die Möglichkeit, sich mit dem Thema Trans*Identität auseinander zu setzen: »Endlich hatte ich einen Begriff, eine Begründung für mein Verhalten. Ich wusste endlich, wer ich wirklich bin und worauf ich hinarbeiten will.«

Die Eltern begleiteten ihn zur ersten Sitzung bei einer Therapeutin. Das war insofern sehr hilfreich, als auch die Eltern für sich wichtige Fragen klären konnten. So machte sich der Vater Sorgen, ob die Orientierung seines Kindes auf (seine) Fehler in der Erziehung zurückzuführen seien. Die Versicherung der Psychologin, dass die Ursache hierfür nicht eindeutig zu klären sei und es diese Orientierungen schon immer und in allen Gesellschaften gegeben habe, erleichterte die Eltern und befreite sie von Vorwürfen und Selbstzweifeln. Auch für Thieß war diese Entlastung wichtig: »Ich wollte zwar auch wissen, wie es dazu kommen kann, dass sich ein Mensch im falschen Körper fühlt. Aber ich wollte niemandem, vor allem nicht meinen Eltern, die Schuld für meine Situation geben.« Seine Eltern – so sagt es Thieß – standen immer hinter ihm; sie unterstützen ihn, wo sie konnten. Es gibt eine starke und positive Bindung zwischen ihm und seinen Eltern.

Im Vergleich hierzu waren die Großeltern weniger aufgeschlossen. Es war ein langer Prozess, bis sie Thieß in seinem Sein akzeptieren konnten. Über eine längere Zeit redete vor allem der Großvater auf Thieß ein, dass er noch zu jung für solch eine Entscheidung sei und hierfür zu wenig Erfahrungen gemacht habe. Mittlerweile jedoch hat sich das Verhältnis gebessert: »Ich habe ihm sehr ausführlich erklärt, was mit mir los ist. Und meine Eltern haben mich unterstützt und gesagt, dass dies kein Spiel sondern knallharte Realität sei und wir daran nichts ändern können. Sie sagten, ›Wir können ihn nur unterstützen.‹ Das sahen meine Großeltern irgendwann genauso.«

Die Situation in der Schule beschreibt Thieß als unproblematisch. Das Verhältnis zu Lehrer_innen und Mitschüler_innen verlief konfliktfrei. Thieß ging – unabhängig von seinem Alter – immer sehr offen damit um, dass er ein Junge ist. So gab er sich den Künstlernamen »Jason«, den auch alle in der Schule benutzten. In Situationen, in denen die Schulklasse oder Gruppen nach Geschlecht geteilt wurden, ging Thieß auf die Jungenseite: »Meine Mitschüler haben mich als ›das Mädchen, das ein Junge sein möchte‹ kennengelernt.« Negative Reaktionen blieben auch aus, nachdem er mit der Beratung durch die Psychologin den Begriff Trans*Identität zur Erklärung nutzte: »Das hat mich positiv überrascht. Aber die kannten mich auch nicht anders. Sie haben mich von Anfang an als ›das burschikose Mädchen‹ akzeptiert.« Unabhängig von dieser Akzeptanz von außen war die Zeit der Ungewissheit über seine Situation und die Zeit der Pubertät hart. Der innere Konflikt erschwerte es, Freunde zu finden. Während sich die Jungen und Mädchen in seiner Klasse körperlich zu Männern und Frauen entwickelten, fühlte sich Thieß »irgendwo dazwischen« in einer Leere gefangen: »Ich habe mich verunsichert gefühlt. Die Brüste habe ich so gut es ging versteckt. Ich bin immer nach vorn gebeugt gegangen. Da war ich nicht sehr selbstbewusst.« In dieser Zeit waren seine Eltern ein wichtiger Halt, aber auch seine Musik. »Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. Später war ich beim Gesangsunterricht. Jetzt schreibe ich selber Lieder.« Vor zwei Jahren nahm er das Lied »SNART« auf, in dem er Zuhörende mit den Erfahrungen von Trans* konfrontiert: »Mir war wichtig, über
das Thema aufzuklären, aber ansonsten ist meine Musik sehr vielfältig. Es geht nicht nur um Trans*Sexualität.« Mittlerweile hat er seinen Künstlernamen in SNART geändert. Auf seiner Facebook-Seite www.facebook.com/SnartMusic/ veröffentlicht er seine Lieder und Videos.

Mittlerweile konnte Thieß mit dem Prozess der offiziellen Namensänderung und einer Hormonbehandlung beginnen. Hierfür waren zwei psychologische Gutachten und die Bestätigung eines weiteren Psychologen notwendig. Gemeinsam mit seinen Eltern entschied er sich für den Namen Thieß, da er seinem früheren Namen ›Thea‹ ähnelte. Seit 2013 nimmt er Hormone ein, täglich trägt er hierzu Testosteron in Form von Gel auf seine Haut auf. Diese leiten eine männliche Pubertät ein, er kam in den Stimmbruch, die Körperbehaarung und Muskelmasse nahmen zu. Die Veränderungen haben positive Auswirkungen auf sein Empfinden: »Ich bin jetzt viel selbstbewusster und erfreue mich an jedem neuen Barthaar.« Inzwischen hat sich Thieß für eine Angleichungsoperation entschieden und einen Antrag auf Kostenübernahme bei seiner Krankenkasse gestellt. Die Kosten für die Operationen sind sehr hoch, auch hierfür bedarf es der o.g. gutachterlichen Zustimmung von Psycholog_innen. Thieß sieht es problematisch, dass Menschen ohne eigene Erfahrung darüber entscheiden, ob jemand gegengeschlechtliche Hormone und eine Angleichungsoperation ermöglicht werden: »So eine Person soll über mich urteilen und bestätigen: ›Der ist wirklich trans*ident.‹ Das ist heftig und der Psychologe übernimmt damit eine große Verantwortung.« Die Operation möchte Thieß nach der Schule durchführen lassen: »Dann habe ich den Kopf frei für meinen Weg.« Ein weiterer wichtiger Mensch in seinem Leben ist Thieß’ Freundin: »Ich habe sie in der Schule kennengelernt. Wir haben am Anfang viel miteinander geschrieben und es hat eine Zeit gedauert, bis ich sagte, dass ich trans*ident bin.« Zu Beginn befürchtete er, sie durch diese Information zu verlieren. Schließlich zeigte er ihr einen Artikel über einen Trans*Mann und wartete ihre Reaktion ab. »Sie sagte, dass kein Mensch etwas dafür kann, wenn er im falschen Körper geboren wurde. Daraufhin konnte ich mich öffnen.« Die Beziehung, die Akzeptanz und Unterstützung seiner Freundin ermöglichten mehr Selbstbewusstsein. Thieß konnte auf diesem Wege neue Freundschaften schließen. Auch hier kommuniziert er über seine Situation immer offen.

Er hat hiermit äußerst positive Erfahrungen gemacht und plädiert generell dafür: »Desto länger man sich versteckt, umso größere Probleme und Missverständnisse entstehen.« Wenn es um Trans*feindlichkeit geht, hat Thieß eine klare Botschaft: »Es ist doch total blöd jemanden nicht zumögen, nur weil er trans-ident ist. Letztendlich zählt immer der Charakter.«

»Viele wissen gar nicht, wie viele Steine uns als Familie in den Weg gelegt werden«.

Alexandra und Saskia sind vor zehn Jahren nach Greifswald gezogen, um zu studieren. Heute leben sie als Familie mit zwei Kindern in der Hansestadt. »Kennengelernt haben wir uns vor vierJahren über eine Freundin.« Saskia war zuvor mit einem Mann verheiratet, aus der Ehe ging eine Tochter hervor, die heute acht Jahre alt ist. Vor einem Jahr bekamen Alexandra und Saskia eine gemeinsame Tochter. Auf der Geburtsurkunde des Kindes steht ausschließlich Alexandras Name, der Vater bleibt anonym. Aufgrund der aktuellen Gesetzeslage kann Saskia nicht als zweite Mutter in die Geburtsurkunde eingetragen werden: »Hätte ich einen Mann geheiratet, dann wäre der automatisch – egal, ob er der Vater ist oder nicht – auf der Geburtsurkunde eingetragen worden.«

In einer eigetragenen Lebenspartnerschaft muss Saskia das gemeinsame Kind nun adoptieren, obwohl es von beiden Müttern gleichermaßen gewünscht worden ist. »Wir haben extra einen Monat vor ihrer Geburt geheiratet. Wir hatten die Hoffnung, dass sich die Gesetzeslage ändert und die Ehe für alle eingeführt wird, so daß unser Kind abgesichert ist«, sagt Alexandra. Anders als bei heterosexuellen Ehepartnern, ist das Kind mit der Geburt in einer lesbischen Partnerschaft ausschließlich über die biologische Mutter abgesichert. Für den Fall, dass dieser Mutter etwas zustößt, bedarf es einer notariellen Verfügung, damit Saskia das Sorgerecht zugesprochen bekommt und als erste Bezugsperson für das Kind eingesetzt werden kann. Bis die sog. Stiefkindadoption erfolgreich ist, hat Saskia mit dem »kleinen Sorgerecht« lediglich eingeschränkte Befugnis, über alltägliche Fragen, die das Kind betreffen, mit zu entscheiden. Das betrifft u. a. Fragen des Schulalltags, der medizinischen Versorgung und Freizeitgestaltung, den Bereich Vermögenssorge.

Im Falle einer Trennung von Alexandra wäre Saskia jedoch ohne Rechte im Umgang mit dem Kind. Erst mit der erfolgreich abgeschlossenen Stiefkindadoption haben beide Mütter das gemeinsame große Sorgerecht. Der Prozess der Adoption ist langwierig und die Eltern sind gezwungen, ihr Privatleben offenzulegen. Die Ungleichbehandlung von lesbischen Paaren im Vergleich zu Heteropaaren erlebt Alexandra als »eine der größten Diskriminierungen. Bei Frauen-Paaren prüft das Amt die Beziehung. Wenn Mann und Frau sich fortpflanzen, sind sie mit diesem Akt Eltern. Wir müssen uns erst beweisen. »Viele wissen gar nicht, wie viele Steine uns als Familie in den Weg gelegt werden.« Da das Paar mit zwei Kindern lebt, die aus unterschiedlichen Beziehungen kommen, erleben sie diese Ungleichbehandlung sehr deutlich: Während die ältere Tochter auch über ihren Vater abgesichert ist, ist es das gemeinsame Kind nur über die biologische Mutter. Zudem schreibt das Adoptionsrecht eine Adoptionspflegezeit vor. In dieser Kennlernphase soll das Jugendamt über den Zeitraum von einem Jahr beurteilen können, ob sich eine positive Eltern-Kind-Beziehung aufbaut. Bei einer Adoption eines zuvor unbekannten Kindes ist diese Absicherung durchaus sinnvoll und nachvollziehbar. Im Umgang mit gleichgeschlechtlichen Eltern, die sich – wie Alexandra und Saskia – aus Liebe gemeinsam für ein Kind entscheiden, handelt es sich jedoch um eine Ungleichbehandlung und erscheint als ungerecht. So muß Saskia schriftlich dokumentieren, ob sie Unterschiede zwischen ihren Töchtern wahrnimmt und ob sie Gewalt ausüben würde. Auch ist es notwendig, die finanzielle und wohnliche Situation offen zu legen und mehrere Treffen mit Sozialpädag_innen der Adoptionsstelle zu vereinbaren. Saskia und Alexandra waren zudem damit konfrontiert, dass mehrere Erstanträge auf Adoption abgelehnt wurden, da sie den Namen des biologischen Vaters nicht offenlegen möchten. »Wir haben uns dagegen entschieden, den Namen öffentlich zu machen. Das kommunizieren wir nur mit unseren Kindern.«

Dennoch erleben beide Mütter die Mitarbeiter_innen der Ämter und Institutionen als wohlwollend. »In der Regel waren alle sehr aufgeschlossen und sehr verständig für unsere Situation und im Grunde tat ihnen das immer leid.« So entschuldigte sich der Standesbeamte_innen bei der Zeremonie zur Eintragung der Lebenspartnerschaft – vergleichbar mit der Hochzeit – dafür, dass er »beim Verlesen des Textes uns beide als Lebenspartner eins und Lebenspartner zwei ansprechen musste. So ging das die komplette Zeremonie. Wir äußerten dann die Bitte, ob wir nicht wenigstens als Frauen angesprochen werden könnten.« Dies jedoch war nicht möglich; – eine kurze Recherche zu den Erfahrungen in Kommunen anderer Bundesländer hätte geholfen: es gibt bereits mit der Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes eine Vielzahl an Beispielen, in deren Verlauf Standesbeamte gleichgeschlechtliche Paare sehr feierlich und wertschätzend verpartnern und dafür Worte finden, die mit dem Paar abgesprochen sind. Ein Rechtsbruch jedenfalls ist hier für nicht notwendig, vielleicht ein wenig Kreativität und der Wille, eigene Handlungsspielräume zu erkennen, zu nutzen und somit Ungleichbehandlung zu verringern.

Alexandra und Saskia würden sich gern politisch engagieren, um gesetzliche und gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. In Greifswald finden sie jedoch keine Strukturen oder Angebote, die sie als Regenbogenfamilie ansprechend finden. Die queere Szene nehmen sie eher als Partyszene wahr. »Wir hatten über das Jugendamt versucht, uns mit anderen Familien zu vernetzen, doch das wurde aus Datenschutzgründen nicht erlaubt. Es fehlt eine Anlaufstelle, um sich zu kontaktieren.« Als problematisch erleben sie die Entwicklung, dass rechte Meinungen wieder konsensfähig sind. Viele Jahre nahmen sie das Leben in Greifswald als sicher wahr. Viele Studierende und Intellektuelle leben in der Innenstadt, die einen gewissen Schutzraum bietet. Außerhalb dieses Bereichs möchten Alexandra und Saskia mit ihren Kindern nicht leben.

Als Alexandra ein Referendariat an einer Schule in einem kleinen Ort an der Müritz angeboten wird, lehnen sie dies ab: »Das funktioniert für uns als Regenbogenfamilie nicht. Die rechte Szene hat da zu viel Raum. Ein Antrag auf Versetzung nach Greifswald und Umgebung wurde abgelehnt. Alexandra kann somit nur Teilzeit arbeiten, was finanzielle Konsequenzen hat. »Das Problem ist aber nicht, dass wir zwei Frauen sind. Das hat mit den Schulämtern zu tun. Es wird kategorisch abgelehnt, da die Logistik es nicht hergibt, anders zu denken.« Der Vorstoß rechter Parteien löst Ängste aus, dass der Schutzraum, in dem sie leben, verschwindet: So sind Neonazis wieder häufiger und erkennbar in der Innenstadt unterwegs, vor den Landtagswahlen hing ein Plakat der NPD mit dem Text »Heimat braucht Kinder. Keine Homo-Ehe!« direkt vor ihrem Fenster. Dies macht beide wütend: »Die Welt muss sich doch auch mal ändern. Man fühlt sich in die 1990er Jahre zurückversetzt.« Als ihre große Tochter eingeschult wurde, befürchteten sie Anfeindungen, weniger von Kindern als von anderen Eltern. Sie stehen hier für einen Dialog, »Wir sind dann auch da, um mit den Eltern die Unterschiede zu thematisieren. Also, dass die Eltern, mit unserem Beispiel, ihren Kindern erklären können, wie vielfältig Familien sein können.« Beide Frauen leben offen und geoutet: »Wenn mich die Leute dann ausfragen, nutze ich es als politische Aktion und informiere, indem ich meine Geschichte erzähle«, sagt Alexandra. In der Schule – beide Frauen arbeiten als Lehrerinnen – sind viele Schüler_innen neugierig und stellen Fragen. »Da kommen schon komische Fragen, aber da denke ich oft, dass es ihnen noch nie erklärt wurde.« Die häufigste Frage sei diejenige, wer denn der Mann und wer die Frau in der Beziehung sei. »Ja, da gibt es ja diese schöne Stäbchenantwort«, sagt Alexandra schmunzelnd. Saskia: »Genau, ich sage dann immer: ›Frag mal einen Chinesen welches Stäbchen er als Gabel oder als Messer benutzt.‹ Das ist immer ganz gut und das haben bisher auch alle mit Humor aufgenommen.«

»Willst du normal sein – oder glücklich? Ich will glücklich sein!«

Der Weg zum Glück war für Markus lang und beschwerlich. Als er zehn Jahre alt ist, bemerkt er, dass er die Kleidung des anderen Geschlechts attraktiv findet. Da er in der Schule bereits Mobbingerfahrungen machen musste, befürchtet er, dass die Neigung zu weiblicher Kleidung weitere Ausgrenzung und Gewalt hervorruft: »Und dann hab ich mich dagegen entschieden, um weitere Hänseleien zu umgehen. Aber ich habe immer im Hinterkopf, dass es ein schönes Gefühl war.«

Als er in den 2000er Jahren erwachsen ist, lebt er in einer Wohngemeinschaft mit einer jungen Frau. Das gemeinsame Wohnen eröffnet die Möglichkeit, Kleidung anzuprobieren: »Das ist ihr nicht aufgefallen und ich fühlte mich richtig gut damit.« In einer Begegnungsstätte vertraut er sich der Leiterin an und erlebt Akzeptanz und Unterstützung: Gemeinsam suchen sie Kosmetik, die Markus ausprobieren möchte. Ein Wendepunkt ist ein Theaterstück, in dem er die weibliche Hauptrolle übernimmt: »Die Frauen haben mir das Kleid und die Perücke besorgt. Und ich habe mich das erste Mal richtig gut gefühlt, so richtig toll.« Nach und nach bestellt sich Markus Kleider und Wäsche. Vor allem durch das Internet entdeckt er Portale, auf denen er Kleidung in seiner Größe problemlos kaufen kann. Das Einkaufen in Geschäften in der Stadt ist für ihn ungleich schwieriger, da es spätestens vor der Umkleidekabine häufig zu diskriminierenden Aussagen von Verkäufer_innen aber auch anderen Personen kommt. Das passiert online nicht. Heute fühlt sich Markus sehr wohl. Auf seiner Arbeitsstelle wird er akzeptiert, er kann seine Fingernägel dezent lackieren und kleine Ohrringe tragen: »Wenn ich dann Urlaub habe, trage ich am liebsten die großen Klimperdinger.« Geholfen haben ihm vor allem Menschen in der Begegnungsstätte, hier wurde er akzeptiert und unterstützt in seiner Lebensweise – nicht jedoch kritisiert oder hinterfragt.

Auch eine Selbsthilfegruppe mit Gleichgesinnten war und ist hierbei sehr wichtig, gerade für das Stärken des Selbstbewusstseins. Durch den Austausch kennt er viele Trans*, die an Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen leiden. Der Austausch in der Gruppe hilft auch, diskriminierende Erlebnisse anders verarbeiten zu können: »Es gibt halt andere Leute, die das nicht abkönnen. Als ich mit meinem Freund Hand in Hand gelaufen bin und alles schön war, spuckte ganz plötzlich einer direkt vor uns aus. Aber es war mir scheißegal. So ’ne Leute wird’s leider immer geben.« Auch sein Partner stärkt ihm den Rücken. Vor wenigen Jahren hätte sich Markus nicht getraut, mit Ohrringen außer Haus zu gehen. »Das war ein langer Prozess. Jetzt tragen wir manchmal die Ohrringe des anderen, oder er trägt einen Rock von mir.« Markus bemerkt auch einen leichten Wandel in der Gesellschaft und dass das Thema Trans* in den Medien präsenter ist.

Im Alltag macht er aber neben den guten auch schlechte Erfahrungen: »Du kannst dir nirgendwo sicher sein.«

»Ich werde nicht mein Verhalten einschränken, nur weil irgendwelche Deppen mich beschimpfen könnten«.

Maria wächst in einem Dorf in MV auf. Sie verlebt eine unbeschwerte Kindheit und hat liebevolle Eltern. In der Schule bemerkt sie, dass sich ihre Gefühle für eine Lehrerin verstärken, kann diese jedoch nicht einordnen: »Ich bin auf einem kleinen Dorf aufgewachsen, da war einfach klar: Eine Frau gehört zu einem Mann und so ist mir das ›eingeimpft‹ worden. Ich hatte auch nie vorher Kontakt mit dem Thema.« Bis zu ihrem 19. Lebensjahr lebt sie Beziehungen mit Jungen. In der Rückschau beschreibt sie, dass sie etwas vermisste, es eine Art Leerstelle gab: »Ich habe damals schon immer gemerkt, dass da was fehlt, noch nicht diese hundert Prozent sind.« Als sie sich in der Oberschule mit einem anderen Mädchen anfreundet und sie sich – relativ spontan – eines Tages küssen, klärt sich die Leerstelle auf: »Und dann war klar, was immer für die hundert Prozent gefehlt hat.«

Ihr Outing gegenüber Freund_innen und Familie verläuft ausnahmslos positiv: »Ich hatte da wirklich großes Glück.« Sie weiß dies sehr zu schätzen: Vorab hatte sie sich online über Outings informiert und wusste, dass positive Reaktionen nicht selbstverständlich sind: »In Foren gab es immer wieder Berichte von schlechten Erfahrungen, was mich einschüchterte.« Erfreulicherweise reagierten auch ihre Großeltern äußerst positiv und vermittelten ihr das Gefühl, dass Liebe individuell sein sollte und »jede Person lieben soll, wen sie will.« Maria geht sehr offen mit ihrer Lebensweise um, danach gefragt, macht sie daraus kein Geheimnis.Rückblickend hätte sie sich gewünscht, bereits in der Schule mehr Wissen über das Thema zu erhalten und damit vorurteilsfrei in Kontakt zu kommen. So ist es aus ihrer Sicht wichtig, dass Schüler_innen dementsprechend aufgeklärt werden und es an Schulen Vertrauenslehrer_innen gibt, die beim Coming-out oder bei Diskriminierungen den Schüler_innen zur Seite stehen. Im öffentlichen Raum zeigt Maria selbstbewusst, dass sie mit einer Frau liiert ist. Verstecken kommt nicht in Frage, auch im Falle von Diskriminierungen würde sie in die Offensive gehen: »Wenn was käme, das würde ich ganz klar auskämpfen. Ich werde nicht mein Verhalten einschränken, nur weil irgendwelche Deppen mich beschimpfen könnten.« Unabhängig von ihrer eigenen Haltung kann sie sehr gut verstehen, dass es für andere Personen äußerst schwierig ist, mit Anfeindungen umzugehen und sie sich deshalb in der Öffentlichkeit zurücknehmen. Um die Öffentlichkeit über das Thema Homosexualität aufzuklären, plädiert Maria für mehr Aktionismus und politische Aktionen: Gerade in kleinen Städten sei es wichtig, Vorurteilen entgegenzutreten.

»Sich ständig neu erklären zu müssen. Das finde ich diskriminierend«

Mit 16 Jahren outet sich Katja vor ihren Eltern und an ihrer Schule. Die Reaktionen waren gemischt: »Meine Eltern haben mich zunächst nicht ernst genommen. Sie dachten, das wäre nur eine Phase.« Obwohl sie mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf lebt, habe es in dem Sinne »keine größeren Anfeindungen« gegeben. Doch eine breite Akzeptanz und ein diskriminierungsfreies Leben im öffentlichen Raum gab und gibt es nicht. Katja erlebt strukturelle Benachteiligungen in mehreren gesellschaftlichen Bereichen. So beschreibt sie, dass ihre gleichgeschlechtliche Beziehung bei der Wohnungssuche mit ihrer Partnerin weniger ernstgenommen bzw. gleichwertig behandelt wird: »Ich hatte das Gefühl, wir werden nicht so ernst genommen, als wenn wir ein Heteropärchen wären. Wir wurden behandelt wie zwei kleine Mädchen, die einfach nur so zusammenziehen wollen.« Heteronormativität und Sexismus machen auch nicht vor der queeren Szene halt bzw. sie erlebt sie entsprechende Diskriminierungen auch in Räumen, die eigentlich als Schutzraum gedacht sind. So erinnert sie sich an eine Queer-Party, auf die sich »normales« Publikum verirrt hatte: »Da waren aufdringliche Typen, die haben geglotzt, sich schwulenfeindlich geäußert und Frauen angemacht.« Grundsätzlich erlebt Katja über die Jahre im Alltag und im öffentlichen Raum eine Entspannung bzw. Verbesserung. Die Menschen seien offener im Umgang mit Lesben geworden. Populäre Lieder wie »I kissed a girl and I liked it« waren auch in Deutschland ein Erfolg. Aus Katjas Sicht hat das möglicherweise eine positive Wirkung. Dennoch ist sie in ihrem Auftreten in der Öffentlichkeit vorsichtig. »Ich hab mich schon oft zurückgenommen, wenn es brenzlig wurde oder wenn es provinziell war oder wenn wir irgendwo im Hotel waren.«

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