Vorwort

VORWORT





Heike Radvan, Stella Hindemith

Der Verein »Lola für Demokratie Mecklenburg-Vorpommern« setzt sich aus einer feministischen Perspektive für eine demokratische Alltagskultur und damit auch gegen Neonazis, Diskriminierung sowie Ausgrenzung ein, die oft mit Blicken auf die vermeintlich »Anderen« beginnt. Auch wenn die Auseinandersetzung mit Homo- und Trans*feindlichkeit bislang noch nicht im Fokus der Projektarbeit lag, ist dieses Thema vor dem Hintergrund der Ziele des Vereins sehr naheliegend, vielmehr inhärent. Als auf Initiative des Sozialministeriums Mecklenburg-Vorpommerns und Gaymeinsam e.V./LSVD Mecklenburg-Vorpommern 2014 zu ersten Arbeitstreffen eingeladen wurde, um einen landesweiten Aktionsplan für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu erarbeiten, brachte sich der Verein von Beginn an ein. Hier war es wichtig, dass die verschiedenen Themenfelder des Landesaktionsplans nicht getrennt, von auf der einen Seite Vertreter_innen der Zivilgesellschaft bzw. Selbstorganisationen aus den LST* Communities im Bundesland und auf der anderen Seite Mitarbeitenden der Verwaltung, erarbeitet wurden. In der Phase der Erarbeitung wurde wiederholt deutlich, dass es für die zivilgesellschaftlichen Planungsgruppen schwer war zu verstehen, welche Verwaltungsstrukturen mit den einzelnen politischen Forderungen zu adressieren sind.

Hier hätte eine engere Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Verwaltung sicherlich geholfen bzw. ein aktiveres Ansprechen und Einbinden der unterschiedlichen Expert_innen aus der Zivilgesellschaft durch Verantwortliche aus den Ministerien. Auf Seiten von Politik, Verwaltung aber auch Medien wurde deutlich, dass es wenig Wissen um die Alltagserfahrungen von Lesben, Schwulen, Trans* (LST*) im Bundesland gibt. Zwar war für viele abstrakt bewusst, dass es ein Problem geben könnte – wie dies jedoch konkret aussehen würde, besonders für die betroffenen Personen – war jedoch häufig nicht präsent. Hier entstand die Idee, eine Untersuchung in Auftrag zu geben, mit der neben den Alltagserfahrungen insbesondere auch Diskriminierungserlebnisse von LST* erforscht werden können. Aufgrund mangelnder Finanzierung kam es jedoch nicht zu einer Umsetzung. Der Verein stellte einen Modellprojekt-Antrag im Bundesprogramm »Demokratie Leben!«, der in einer ersten Phase eine Erhebung mit qualitativen und quantitativen Methoden der Sozialforschung beinhaltete. Als dieser bewilligt wurde, begann die Arbeit: Im Rahmen des Projektes »un_sichtbar.

Lesben, Schwule, Trans* in Mecklenburg-Vorpommern. Lebensrealitäten, Ausgrenzungserfahrungen und Widerständigkeiten« hat der Verein »Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern« eine Expertise zu Homo- und Trans*feindlichkeit erarbeitet unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Anne-Christin Schondelmayer und Dr. Heike Radvan. Ziel der Expertise ist es, diesbezügliche Erfahrungen im Alltag von LST* in Mecklenburg-Vorpommern (MV) abzubilden.

Der Verein »Lola für Demokratie in MV« arbeitet seit 2008 aus geschlechterreflektierender Perspektive zu Fragen demokratischer Kultur und Teilhabe sowie gegen Rechtsextremismus. Seit Januar 2015 führt der Verein das Modellprojekt »un_sichtbar – LST* in MV. Lebensrealitäten, Ausgrenzungserfahrungen und Widerständigkeiten« durch. Im Rahmen des Projekts ist auch die vorliegende Expertise entstanden. Das Projekt arbeitet in verschiedenen Städten des Bundeslandes mit Jugendlichen, die für eine Wanderausstellung die Lebenserfahrungen von LST* in Geschichte und Gegenwart recherchieren. Auf dieser Grundlage soll öffentlich auf geschlechtliche und sexuelle Vielfalt aufmerksam gemacht und die Erinnerungskultur vor Ort gestärkt werden. Mehr zum Projekt: www.un-sichtbar-mv.de

Bislang gibt es wenig Wissen über die Lebenssituationen von LST* in MV. Was prägt den Alltag von Menschen, die sich für Lebensweisen jenseits einer Zweierbeziehung zwischen Frau und Mann entscheiden und in diesem Bundesland leben? Mit der Expertise richten wir uns explizit an die politische Öffentlichkeit, wenn wir nach Bedarfen und Veränderungsmöglichkeiten fragen, um einen gleichberechtigten Alltag ohne Diskriminierung leben und gestalten zu können. Die Expertise beinhaltet zwei thematische Schwerpunkte: So geht es um biographische Erfahrungen von LST* sowie um den Fokus Jugend und Schule. Letzterer begründet sich in bereits vorliegenden Forschungsergebnissen, die zeigen, dass LST* in hohem Maße Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen in der Schule machen und sich dies beeinträchtigend auf den weiteren Lebensverlauf auswirkt. Mit der Biographie-Forschung ermöglichen wir einen Einblick in Erfahrungen von LST* in verschiedenen Lebensaltern und mit unterschiedlichen familiären und strukturellen Bedingungen.

Das methodische Vorgehen
Die Expertise kombiniert qualitative und quantitative Forschungsmethoden. Für den Schwerpunkt Biographie wurden biographisch-narrative Interviews mit 20 Personen geführt, die sich als gleichgeschlechtlich oder trans* verstehen. Die Interviews wurden in Portraits zusammenfassend abgebildet bzw. werden sie anschaulich erzählend wiedergegeben. Für die Untersuchung im Bereich Jugend und Schule haben wir mit einer Fragebogenerhebung die Einstellungen von 115 Schüler_innen der Jahrgangsstufen sieben bis zehn an zwei verschiedenen Schulen im Bundesland zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt untersucht. Diese Daten sind für die Altersgruppe explorativ aussagekräftig. Zusätzlich wurden 18 Gruppendiskussionen mit insgesamt 90 Schüler_innen durchgeführt und mit der Dokumentarischen Methode der Interpretation vergleichend ausgewertet. Zudem enthält die Expertise Ergebnisse einer Fragebogenerhebung (115 Befragte) zu Diskriminierungserfahrungen von Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Rostock.

[…weiterlesen…]