»War doch nur ein Scherz!«

»War doch nur ein Scherz!«





Stella Hindemith, Janna Petersen

Projektarbeit zu Homo- und Trans*feindlichkeit an einer Schule im ländlichen Raum

Schule ist ein wichtiger Ort, um gesellschaftliche Vielfalt zu lernen und zu leben, darum – so belegen Studien – ist es unabdingbar, Lebensrealitäten von LST* fächerübergreifend in Unterrichtsinhalte als Querschnitt aufzunehmen. Im Rahmen einer Projektarbeit haben wir ein halbes Jahrlang zum Thema Homo- und Trans*feindlichkeit an einer Schule im ländlichen Raum des Bundeslandes gearbeitet. Anliegen des Projektes war es, mit interessierten Schüler_innen im Rahmen des Unterrichts zur Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus zu arbeiten. Dieser Artikel gibt einen Einblick in die Herausforderungen, Hürden aber auch Erfolge der Projektarbeit.

Um den Kontext der Arbeit zu rahmen, gehen wir zunächst auf die Gegebenheiten der Schule und das alltägliche Miteinander im Schullalltag ein. Anschließend beschreiben wir die Auswirkungen dieses Rahmens auf das Kommunikations- und Konfliktverhalten innerhalb der Gruppe von Schüler_innen, mit denen wir gearbeitet haben. Daran folgend stellen wir Fragen des pädagogischen Handelns: Welche Spezifika und Herausforderungen haben sich mit dem Thema in der Projektarbeit ergeben? Wie haben wir queere Jugendliche in ihrem Klassenkontext empowert? Und wie umgehen mit politisch rechten Äußerungen?

Wie stellt sich das Miteinander an der Schule dar?
Die Schule, in der wir gearbeitet haben, ist in erster Linie leistungsorientiert: Im Leitbild geht es um möglichst gut strukturierte Unterrichtssituationen, Effizienz und Vorbereitung der Schüler_innen auf ihre berufliche Zukunft. Eine gemeinsame Verantwortung aller wird in der Praxis in erster Linie darauf bezogen, dass der Unterricht funktioniert. Wettbewerbe sind wichtig; im Gespräch mit den Lehrer_innen stehen Benotungen, Termindruck und Leistungsbereitschaft der Schüler_innen im Vordergrund. Darüber hinaus ist die Schule aber auch um ein diskriminierungsfreies Miteinander bemüht, sie positioniert sich u.a. als »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.«

Vor Projektbeginn stellen wir unser Vorhaben bei der Schulleitung vor, die die Thematisierung von Homo- und Trans*feindlichkeit im Unterricht und das Projekt als Ganzes positiv begrüßt und einen Bedarf hinsichtlich einer Auseinandersetzung mit diesen Themen deutlich benennt. Es folgen Gespräche mit Lehrer_innen, in denen das Thema unseres Angebotes zunächst gar nicht angesprochen wird – vielmehr äußern sich die verantwortlichen Lehrer_innen vor dem Hintergrund von Überlastung erfreut, dass wir einen Teil ihrer Arbeit übernehmen. Bei der inhaltlichen und pädagogischen Gestaltung der Projektarbeit wird uns freie Hand gelassen. Über die Schüler_innen und die Arbeit mit ihnen sprechen die Lehrer_innen uns gegenüber ironisierend. Sie stellen im Gespräch ein vermeintliches Bündnis mit uns her; scheinbar nehmen sie an, dass wir (die Erwachsenen) eine Gruppe bilden, die gegenüber der anderen Gruppe (den Schüler_innen) zusammenhalten müsse. Die Gespräche gehen nicht ohne kommunikative Grenzüberschreitungen aus, die teilweise auch in Hörweite der Schüler_innen geschehen.

So formulieren Lehrer_innen beispielsweise die Vermutung, dass sicherlich viele Schüler an unserem Angebot teilnehmen würden, da der Zulauf für Angebote von »jungen, hübschen Frauen« ja immer groß sei. Die Kommunikation ist geprägt durch ständige »Neckereien« und »Scherze«, die teilweise wohl die Funktion erfüllen sollen, Nähe herzustellen. Auf diesem Wege werden Normen geschaffen und Hierarchien ausgedrückt. Über Dritte (Kolleg_innen, Schüler_innen) wird häufig schlecht geredet. Diese Form der Kommunikation unter Erwachsenen wird von den Schüler_innen reproduziert.

Kommunikation und Konfliktverhalten in der Gruppe
Bereits bei der Vorstellung des Projekts in den Klassen wird deutlich, dass es von Seiten der Lehrer_innen kein erkennbares Interesse oder gar eine Motivation gibt, das Thema Homo- und Trans*feindlichkeit in den Unterricht einzubringen. Die Schüler_innen werden nicht ermutigt, an der Arbeit teilzunehmen – im Gegenteil weisen die anwesenden Lehrer_innen bei der Vorstellung des Projekts mehrmals darauf hin, dass es dabei vor allem um Arbeit und nicht um Spaß geht.

Auffällig ist, dass die Lehrer_innen – und das bleibt bis zum Ende des Projektes so – generell nicht benennen, wozu wir thematisch arbeiten. Es scheint ihnen unangenehm zu sein, »lesbisch«, »schwul« auszusprechen bzw. sind sie dazu kaum in der Lage und versprechen sich. Die Gruppe besteht aus Schüler_innen zwischen 15 und 18 Jahren. Die meisten von ihnen wachsen in kleinen Dörfern auf. Sie haben die Wahl zwischen mehreren Projekten, die im Rahmen des Unterrichts stattfinden, eines davon ist das hier Beschriebene. Nach der Vorstellung des Projekts bekommen wir großen Zulauf. Auf mangelndes Interesse am Thema des Projekts, das von den Lehrer_innen im Vorfeld unterstellt wird, stoßen wir bei den Schüler_innen nicht: Viele wollen mehr erfahren über das Thema, erwähnen schwule oder lesbische Freund_innen, es taucht ganz explizit die Frage auf, ob wir über die Selbstmordgefahr von LST* Jugendlichen sprechen können. In der Gruppe sind aber auch Schüler_innen, die sich homo- und trans*feindlich äußern. Da sich in der Gruppe mehrere Schüler_innen im Outing-Prozess befinden, ist dies eine besondere Herausforderung. Wir treffen uns in den folgenden Monaten ca. alle zwei Wochen mit den Schüler_innen.

Große Unsicherheit zeigt sich in der Gruppe – vor allem zu Beginn des Projektes – wenn es um Diskussionen oder eigene Beiträge geht, in denen Schüler_innen eine eigene Meinung mitteilen sollen. Werden Fragen gestellt, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt, reagieren die Schüler_innen verunsichert. Nach den ersten Sitzungen verändert sich die anfängliche Zurückhaltung der Schüler_innen und es finden rege und kontroverse Diskussionen statt. Wir achten darauf, möglichst wenig einzugreifen – herausfordernd wird dies, als sich Jugendliche verharmlosend über den Nationalsozialismus äußern (Dazu: Fragen pädagogischen Handelns III:).

Die Gruppe ist von Konformitätsdruck und Mobbing geprägt – hiervon sind alle Schüler_innen betroffen, auch wenn Umgang und Kommunikation äußerst unterschiedlich sind. In diesem Umfeld gilt, dass die Einzelne so zu sein habe wie alle anderen. Jeder Unterschied wirkt sich auf die Position innerhalb der Gruppe negativ aus, was zu einem hohen Druck unter den Schüler_innen führt. Z. B. gibt es innerhalb der Gruppe eine kleine Minderheit von bildungsaffinen Schüler_innen, bei denen deutlich ist, dass sie das politische Geschehen im Bundesland verfolgen und in ihrer Freizeit Geschichtsbücher lesen. Diese Schüler_innen beteiligen sich nur selten an den Diskussionen. Wenn sie sich beteiligen, geben sie sich betont genervt von der Fragestellung und grenzen sich so kommunikativ von ihrer in diesen Momenten entstehenden Rolle der »guten« Schüler_innen ab. Durch ihre Beteiligung und Redebeiträge – so scheint die Wahrnehmung der Jugendlichen – laufen sie Gefahr, als etwas Besonderes zu gelten. So folgt den meisten dieser Äußerungen, dass die Jugendlichen Witze über sich selbst machen oder sich demonstrativ entziehen. Mehrmals werden nach Wortmeldungen Videos auf Youtube abgespielt, sodass wir eingreifen. Die Jugendlichen sorgen durch ihr Verhalten dafür, dass unmissverständlich für alle kommuniziert wird, dass sie nicht »auf unsere Seite« gehören. Die Atmosphäre ist von Misstrauen geprägt.

Besonders auffällig ist die Funktion des Lachens. Schüler_innen lachen oft geradezu präventiv (also bevor es andere tun) über sich selbst. Andere Schüler_innen lachen über sie, sodass es immer wieder dazu kommt, dass Schüler_innen (sich selbst) gemeinsam (mit anderen) auslachen. Sehr häufig werden »Witze« gemacht. Sie beziehen sich – wie oben beschrieben – auf alle Situationen, in denen jemand auffällt. Situationen, in denen gemeinsam gelacht wird, wachsen sich oft zu Mobbing-Situationen aus bzw. leiten diese ein. Die Betroffenen von Mobbing versuchen, die Situationen zu entschärfen, indem sie sich den Witzen anschließen und in Situationen, in denen wir einschreiten, die mobbenden Schüler_innen verteidigen. Dieses Verhalten ist verständlich, zumal den Schüler_innen selbstverständlich bewusst ist, dass wir nur begrenzt schützen können, da wir nicht oft da sind. Es zeigt aber, dass es für Schüler_innen, die gemobbt werden, keinen Ausweg aus der Situation zu geben scheint, als an der eigenen Herabsetzung teilzunehmen.

Insgesamt zeigt sich ein Bild einer kommunikativen Dynamik an der Schule, in der Mobbing unter Schüler_innen nur ein Mosaikstein ist – Schüler_innen mobben einander, Lehrer_innen reden schlecht über Kolleg_innen und Schüler_innen, Schüler_innen reden respektlos über Lehrer_innen. Die Kommunikation ist geprägt von Angst, Misstrauen und gegenseitiger Abwertung und wird stets dadurch gerechtfertigt, dass alles nur ein Witz sei. Auch nach Wochen und Monaten gemeinsamen Arbeitens bleibt es für uns schwer, ein konzentriertes Arbeitsklima herzustellen. Diskutieren wir mit der gesamten Gruppe, bleiben die Schüler_innen relativ fokussiert. Dies ist vor allem dann so, wenn die Diskussion hitzig und kontrovers verläuft. In diesen Situationen sind die Schüler_innen sehr aufmerksam; die Diskussionen machen ihnen sichtbar Spaß. Mit der Zeit wächst die Anzahl der Schüler_innen, die sich an diesen Situationen beteiligt. Anders ist es, wenn sie in Gruppen oder alleine arbeiten – dann entsteht ein Geräuschpegel, der so hoch ist, dass konzentriertes Arbeiten kaum möglich erscheint. Möglicherweise ist dies als Anzeichen von Stress und Druck zu deuten.

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