Was denken Schüler_innen über Lesben, Schwule, Trans*

Was denken Schüler_innen über Lesben, Schwule, Trans*











Elisabeth Peters, Rachel Spicker

Eine Fragebogenerhebung an zwei Schulen im Bundesland

Im Alltag sind Lesben, Schwule und Trans* mit individuellen und strukturellen Benachteiligungen aufgrund ihrer Lebensentwürfe konfrontiert. Diesen Benachteiligungen liegen u.a. negative Einstellungen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft zu Grunde. Diese Einstellungen werden über Vorurteile, Abwertung, Diskriminierung und Gewalt geäußert. LST* sind hiermit an verschiedensten Orten ihres Alltages konfrontiert, in der Familie, in der Schule, im öffentlichen Raum, in Ausbildungsinstitutionen oder im Beruf. Aussagen und Erfahrungsberichte von LSBT* zeigen, dass Schule sehr häufig ein Ort ist, an dem Homo- und Trans*feindlichkeit sehr drastisch und durchaus auch gewaltvoll erlebt wird.

Im Gegensatz zu den Erfahrungen der Betroffenen wird Feindlichkeit und Mobbing gegenüber LSBT* von Verantwortlichen an Schulen eher selten als Problem wahrgenommen, sichtbar gemacht und entgegengewirkt. Auch wenn Schule ein möglichst diskriminierungsfreier Raum sein sollte, der Schutz vor Abwertung und Ausgrenzung bietet, erleben LSBT* hier sehr häufig abfällige Bemerkungen, Beschimpfungen oder sind körperlichen Angriffen ausgesetzt, wie Studien belegen: So verwenden 40% aller Sechstklässler_innen in Berlin »Lesbe« als Schimpfwort, 62% beschimpfen andere Mitschüler_innen mit den Begriffen »Schwuchtel« oder »schwul« (vgl. Klocke 2012: 87). Nationale und internationale Studien belegen, dass Schüler_innen, die offen lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* leben, häufiger von Mobbing und Gewalt betroffen sind und sich in ihrer Schule weniger sicher fühlen. Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen führen dazu, dass die Mehrheit der LSBT*Schüler_innen ihre sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität vor Mitschüler_innen und Lehrkräften geheim halten (vgl. Krell und Oldemeier 2015, ECRI 2014, FRA 2013, GLSEN und Harris Interactive 2012). Zusätzlich ist die Depressivität und Suizidalität unter LSBT*Jugendlichen wesentlich höher als bei heterosexuellen Mitschüler_innen (vgl. Espelage et al. 2008). Die Entwicklung psychischer Probleme und die erhöhte Suizidrate als Reaktion auf homo- und trans*feindliche Erlebnisse erhöht wiederum das Risiko, weitere Mobbingerfahrungen zu machen (vgl. Burton et al. 2013).

Bislang liegen unseres Wissens noch keine detaillierteren Untersuchungen dazu vor, ob und wenn ja wie Homo- und Trans*feindlichkeit an Schulen in MV ausgeprägt sind und welche Erfahrungen LST*Schüler_innen hier machen. Erste Hinweise hierauf geben Ergebnisse einer Fragebogenerhebung an einem Gymnasium im westlichen Teil des Bundeslandes, die 2011 durchgeführt wurde (Lola für Lulu 2011). So stimmen 39% der befragten Schüler_innen am Gymnasium der Aussage zu: »Ich würde nicht gern in einem Haus mit einem Homosexuellen wohnen.« Um sich diesem Thema dezidierter zu nähern, wurde im Sommer 2015 eine standardisierte, schriftliche Fragebogenerhebung an den Schulen in Sportstadt und Blumenstadt durchgeführt. Die Fragebogenuntersuchung beschäftigt sich mit vier thematischen Schwerpunkten. Erfragt wird:

1. Woher Schüler_innen Informationen zu den Themen Sexualität und sexuelle Vielfalt beziehen und wer ihre diesbezüglichen Ansprechpartner_innen sind.

2. Welche Einstellungen Schüler_innen gegenüber gleichgeschlechtlichen und Trans* Lebensweisen vertreten. Die Items – also die konkret formulierten Fragen im Fragebogen – stammen in der Mehrzahl aus der Studie von Ulrich Klocke.

3. Wie Schüler_innen die Atmosphäre und das Klima an ihrer Schule beschreiben. Es wird untersucht, ob die Schule ein Ort ist, der von gegenseitiger Anerkennung, Wertschätzung und Respekt geprägt ist. Zentral sind hierfür die Fragen nach dem Wohlfühlen an der Schule und der Rückhalt bei Problemen. Zusätzlich wird hier das Verhältnis der Schüler_innen untereinander sowie das Verhältnis zwischen Lehrer_innen und Schüler_innen beleuchtet.

4. Welche Einstellungen Schüler_innen gegenüber »konstruierten Anderen« vertreten, in diesem Falle gegenüber Muslim_innen und Menschen mit Migrationsgeschichte. Ebenfalls wurde das weibliche Rollenbild betrachtet. Acht verschiedene Items wurden hierfür aus der GMF-Studie von 2011 für die vorliegende Befragung hinzugezogen (vgl. Heitmeyer 2011).

Nach Einwilligung des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur MVs wurden verschiedene Schulen im Bundesland über das Forschungsvorhaben informiert. Eine reformpädagogisch orientierte Freie Schule in Blumenstadt mit insgesamt 190 Schüler_innen sowie ein leistungsorientiertes Gymnasium in Sportstadt mit insgesamt 690 Schüler_innen erklärten sich dazu bereit, an der Erhebung teilzunehmen. Im Zuge der Fragebogenerhebung wurden 115 Schüler_innen im Alter von 12 bis 18 Jahren aus diesen Schulen befragt: In Blumenstadt nahmen 33 Schüler_innen der neunten und zehnten Klassenstufe teil. In Sportstadt beteiligten sich 82 Schüler_innen der siebten bis zehnten Klassen an der Befragung. Die Fragebögen mit jeweils 27 mehrheitlich geschlossenen Fragen wurden im Anschluss an die durchgeführten Gruppendiskussionen (s.u.) ausgeteilt. Aus diesem Grund handelt es sich hierbei nicht um eine repräsentative Stichprobe.

Die Ergebnisse lassen jedoch wichtige Tendenzen erkennen und geben Aufschluss darüber, mit wem und wie häufig Schüler_innen über sexuelle Vielfalt sprechen, wie sie über Lesben, Schwule und Trans* denken, wie sie ihr Schulklima beschreiben und welche Einstellungen sie in Bezug auf sozial konstruierte Gruppen vertreten. Gleichzeitig weisen die Ergebnisse diesbezüglich auf Unterschiede zwischen der reformpädagogischen Freien Schule und dem leistungsorientierten Gymnasium hin. Die Forschenden waren während der Erhebung anwesend, um mögliche Nachfragen beantworten zu können und sicherzustellen, dass die Fragebögen einzeln ausgefüllt wurden. Die Teilnahme an der Erhebung war freiwillig und erfolgte nur mit Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten.

Die Ergebnisse

Aufgrund der unterschiedlichen Klassenstufen liegt das Durchschnittsalter der befragten Schüler_innen bei 15 Jahren. Im Fragebogen gab es die Möglichkeit, sich jenseits der Beschreibung als »Junge/Mann« oder »Mädchen/Frau« einzuordnen und selbst zu formulieren, wie man sich verorten/beschreiben möchte. Von den befragten Schüler_innen machte keine Person hiervon Gebrauch, niemand gab an, dass er/sie sich keinem der beiden Geschlechter eindeutig zuordnen könne: 63% beschreiben sich als Mädchen oder Frau, 37% definieren sich laut Fragebogen als Junge oder Mann. Der Anteil der auf dem Dorf und in der Stadt Lebenden ist in etwa gleich.

1. Wer redet mit wem worüber?
Unter peers, in der Familie und in der Schule Bezüglich der Ansprechpartner_innen zu den Themen Sexualität im Allgemeinen und sexuelle Vielfalt im Besonderen ergibt sich ein differenziertes Bild (s. Abb. 1). Freundschaftliche Beziehungen der Teilnehmenden nehmen hierbei einen hohen Stellenwert ein. So sprechen 43% der Befragten über Sexualität im Allgemeinen am häufigsten mit ihren Freund_innen. Beim Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen verringert sich dies: So sprechen 22% hierüber mit ihren Freund_innen. Auffällig ist: Das Thema Trans* wird unter den Jugendlichen wenig besprochen. Nur 6% geben an, häufig mit ihren Freund_innen darüber ins Gespräch zu kommen.

In der Familie unterhalten sich Schüler_innen im Vergleich zu den Gesprächssituationen mit peers eher weniger über Sexualität, sexuelle Vielfalt und geschlechtliche Identitäten. 21% gaben an, häufig mit ihrer Mutter über Sexualität zu sprechen. Dagegen wird mit dem Vater (90%) selten bis nie darüber gesprochen. Ähnliche Ergebnisse lassen sich beim Gesprächsthema Homosexualität erkennen. Lediglich 16% der Befragten reden mit ihrer Mutter über gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Die Väter (86%) sind hierbei selten bis nie Ansprechpartner_innen. Trans*Sein ist im Vergleich zu den Themen Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen kein regelmäßiges Gesprächsthema innerhalb des Familienkreises. Mit ihrer Mutter unterhalten sich 5% der Befragten häufig darüber. Bei diesem Thema werden Väter noch weniger als Ansprechpartner_innen gewählt; mit ihnen unterhalten sich lediglich 2% häufig über Trans*. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Jugendliche über Sexualität allgemein häufiger mit den peers reden als mit der Familie. Es scheint sich nach wie vor um ein eher tabuisiertes oder schwierig zu besprechendes Thema zwischen den Generationen innerhalb von Familie zu handeln.

Ist Sexualität hier bereits allgemein ein wenig besprochenes Thema, so verringert sich dies noch einmal deutlich beim Thema gleichgeschlechtliches Leben und Lieben. Auffällig ist, dass das Thema Trans* noch einmal deutlich weniger besprochen wird, sowohl im freundschaftlichen Kreis als auch innerhalb der Familie (wenn auch hierbei wiederum eine Differenz zugunsten der Besprechbarkeit unter peers zu erkennen ist). Auch hier lässt sich vermuten, dass Trans* nach wie vor ein deutlich tabuisiertes Thema zu sein scheint oder ein Thema, das nur geringes Interesse und geringe Relevanz für die befragten Jugendlichen hat. Erstaunliche Ergebnisse zeigen die Angaben zu den Gesprächsthemen und Ansprechpartner_innen in der Schule. Ob im Unterricht, in der Klassengemeinschaft oder mit einzelnen Lehrer_innen; innerhalb der Schule werden Sexualität, sexuelle Vielfalt und geschlechtliche Identitäten aus Sicht der befragten Schüler_innen selten thematisiert (s. Abb. 1).

So wird innerhalb der Schulklasse und mit den Lehrpersonen weniger häufig über Sexualität geredet (2% bzw. 3%). Beim Thema Homosexualität gaben 10% der Schüler_innen an, häufig mit der Schulklasse darüber zu sprechen. In Gesprächen mit den Klassenlehrer_innen oder anderen Lehrkräften finden gleichgeschlechtliche Lebensweisen hingegen weniger häufig Berücksichtigung (3% bzw. 4%). Im Vergleich zeigt sich, dass die Schüler_innen bspw. häufiger mit ihrer Mutter über Homosexualität sprechen, als mit der Schulklasse, den Klassenlehrer_innen oder anderen Lehrpersonen. Trans* hingegen wird im Schulkontext ebenso wenig thematisiert wie innerhalb der Familie: 4% der Befragten gaben an, sich mit der Schulklasse häufig über trans*geschlechtliche Lebensweisen zu unterhalten, 3% sprechen häufig mit den Klassenlehrer_innen und 4% häufig mit anderen Lehrpersonen darüber. Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den Wünschen der Befragten: So wünschen sich 85%, dass gleichgeschlechtliche Lebensweisen häufiger Gegenstand im Unterricht werden. Rund 82% befürworten die Thematisierung von trans*geschlechtlichen Lebensweisen in der Klasse.

Womöglich schätzen die Jugendlichen Schule als einen Ort ein, an dem sie etwas über sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten lernen könnten und die Akzeptanz und Anerkennung dieser Lebensweisen gefördert werden könnten. Die hier deutlich werdende geringe Auseinandersetzung mit dem Thema verwundert auch deshalb, da der §6 des Schulgesetzes zur Sexualerziehung in MV beinhaltet, dass »die Schülerinnen und Schüler altersgemäß mit den biologischen, ethischen, kulturellen und sozialen Tatsachen und Bezügen der Geschlechtlichkeit des Menschen vertraut zu machen [sind]« (SchulG-MV, § 6 Sexualerziehung). Hierzu gehört auch die fächerübergreifende Aufklärung und Thematisierung von Homosexualität und Trans* im Unterricht.

2. Einstellungen zu Homosexualität
Die Einstellungen gegenüber Homosexualität lassen sich hinsichtlich individuellem, erfahrungsbezogenen Empfinden und abstrakten Vorstellungen gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen unterscheiden (s. Abb. 2). So befürworten 93% der Befragten einerseits gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare und die Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe. Dementsprechend empfinden 96% der Jugendlichen Lesbisch-Sein als gleichwertig bzw. »genauso in Ordnung« wie Beziehungen oder Sex zwischen Männern und Frauen; hierbei gab es keine ablehnenden Stimmen. Schwul-Sein bewerten 92% als gleichwertig mit Heterosexualität. Andererseits sind die Bewertungen verschiedener Situationen aus dem alltäglichen Leben, in die sich die Jugendlichen beim Ausfüllen des Fragebogens hineinversetzen sollten, von deutlichen Abneigungen gegenüber Schwulen und Lesben gekennzeichnet. So beschreiben 58% der befragten Jungen (n=43) es als (sehr) unangenehm, sich in einen Jungen zu verlieben und für 50% der befragten Mädchen (n=72) wäre es unangenehm, gleichgeschlechtlich zu lieben. Hier scheint sich bereits anzudeuten, was weitere Fragestellungen belegen: Je näher die Vorstellung des »Schwul- und Lesbisch-Seins« an die eigene Person heranrückt, desto negativer und distanzierter werden die Aussagen gegenüber den gemeinten Lebensweisen.

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