Zur Geschichte von Homo- und Trans*feindlichkeit

Zur Geschichte von Homo- und Trans*feindlichkeit




Jamina Diel, Liz Weiler

Wir werfen im Folgenden einen kurzen Blick in die Geschichte, um die heutige Situation von Lesben, Schwulen und Trans* verständlicher zu machen.

Ergebnisse qualitativer und quantitativer Forschung zur Ausprägung von aktueller Homo-
und Trans*feindlichkeit in Deutschland allgemein, in MV im Besonderen, finden Sie unter www.un-sichtbar-mv.de

Geschichte der (Straf-)Verfolgung Gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität gibt es seit Jahrtausenden, in vielen Gesellschaften war und ist sie zu verschiedenen Zeiten akzeptiert und wird im Alltag gelebt, immer auch gab es Ausgrenzung und Gewalt. Das Konzept der Homosexualität entstand im späten 19. Jahrhundert – und damit auch Kategorisierungen und negative Zuschreibungen von Homosexualität. 1871 wurde ein Gesetz zur Bestrafung homosexueller Handlungen unter Männern im Kaiserreich erlassen. Der § 175 legte fest, dass Homosexualität mit Gefängnis zu bestrafen sei, auf seiner Grundlage konnten auch bürgerliche Ehrenreche wie das Wahlrecht – das zu dieser Zeit nur Männer hatten – aberkannt werden. Gegen eine solche Kriminalisierung wandte sich unter anderem Magnus Hirschfeld, der als einer der ersten Wissenschaftler_innen Studien zu Homosexualität durchführte und 1919 das Institut für Sexualwissenschaft gründete. Er konnte sich jedoch mit seiner liberalisierenden Position gesellschaftlich nicht durchsetzen. Der § 175 wurde in die Verfassung der Weimarer Republik übernommen. Trotzdem blühte in der Weimarer Republik die homosexuelle Subkultur – in Großstädten wie Berlin oder Hamburg war ein selbstbestimmtes Leben für viele Lesben und Schwule möglich. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialist_innen wurde diese Subkultur ab 1933 zerschlagen. Die Nationalsozialist_innen verschärften nicht nur den § 175. Schwule Männer wurden inhaftiert, gefoltert und ermordet, Tausende kamen in Konzentrationslagern um. Sexualität unter Frauen wurde gesellschaftlich und somit auch juristisch als solche weniger wahr- und ernst genommen und dementsprechend nicht nach § 175 verurteilt. Lesben wurden dennoch aufgrund ihrer Lebensweisen diskriminiert und verfolgt, als Verfolgungsgrund wurde häufig »Asozialität« und »Kriminalität« angegeben bzw. unterstellt (Schoppmann 2012: 48 ff.). In Konzentrationslagern wurden sie nicht selten in die Lagerprostitution gezwungen und waren hier systematischer Gewalt und Vergewaltigung ausgesetzt.

Zwischen Diskriminierung und Emanzipation in DDR und BRD
Die Verfolgung von Lesben und Schwulen endete nicht 1945. Nach dem Sieg der Alliierten wurde der Paragraph mit seiner nationalsozialistischen Verschärfung kritiklos in die Gesetzbücher der BRD übernommen. In der DDR entschied man sich für die ursprüngliche Form aus der Weimarer Republik. Der Umgang mit Lesben und Schwulen in der Justiz sowie in anderen gesellschaftlichen Bereichen entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten in beiden deutschen Staaten sehr unterschiedlich: Ab 1957 wurde der § 175 in der DDR kaum mehr angewandt, elf Jahre darauf weitgehend abgeschafft (Thinius 2006: 16). 1988 wurde der letzte Teil des § 175, welcher exklusiv Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und männlichen Jugendlichen verbot, abgeschafft (ebd.: 29 ff.). Jenseits dieser juristischen Liberalisierung waren Menschen mit gleichgeschlechtlichen Lebensweisen im städtischen und insbesondere im ländlichen Räumen der DDR jedoch stark marginalisiert. Berichte von Zeitzeug_innen belegen die Auswirkungen von Stigmatisierung, Diskriminierung und Verschweigen. Gesellschaftlich wurde bis in die späten 1980er Jahre die gesellschaftliche Emanzipation von Lesben und Schwulen nicht unterstützt und war ideologisch nicht beabsichtigt. Bspw. wurden ersten Selbstorganisationen keine Versammlungsräume oder öffentliche Präsenz (z.B. in Zeitschriften) gewährt. Eine solche »ungeplante Initiative von unten [wurde] zunächst als Opposition und Störung empfunden« (ebd 2006: 24). In den 1980ern setzte jedoch ein langsamer Prozess der Veränderung ein: Homosexualität wurde in Teilen der Partei SED und der evangelischen Kirche als eine zu tolerierende Form der Begierde angesehen. An der Humboldt Universität Berlin wurde eine Forschungsgruppe zur Auseinandersetzung mit »Homophilen« und deren Integration in die sozialistische Gesellschaft eingerichtet.

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