Informationen

INFORMATIONEN

Interview mit der Rechtsextremismus-Expertin
Prof. Dr. Esther Lehnert

Lesben, Schwule und Trans* haben in den vergangenen Jahren in Deutschland und in anderen Ländern zunehmend gesellschaftliche Gleichberechtigung erfahren. Aber Diskriminierungen zählen nach wie vor zu ihrem Alltag. Auch in Mecklenburg-Vorpommern berichten LST* immer wieder von Anfeindungen und Angriffen. Die Bedrohung geht für sie von Rechtsextremen, aber auch von der gesellschaftlichen Mitte aus. Die Erziehungswissenschaftlerin und Rechtsextremismus-Expertin Prof. Dr. Esther Lehnert erklärt, welche Geschlechterrollen Rechtsextreme vertreten und wie daraus Diskriminierungen gegen LST* entstehen.

Besonders Rechtsextreme vertreten eine rückwärtsgewandte Vorstellung von Geschlechterrollen und verhalten sich abwertend gegenüber LST*. Was vertreten sie für eine Weltanschauung und wie steht sie im Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft?


In der rechtsextremen Ideologie spielt das Konzept einer „reinen, deutschen Volksgemeinschaft“ eine tragende Rolle. Hierfür sind klar abgrenzbare Männer- und Frauenrollen existentiell. Ohne die Konstruktion von „richtigen Kerlen“ und „wahren Frauen“ ist die „Volksgemeinschaft“ nicht zu realisieren. Geht es hier doch auch um möglichst viel „gesunden“, „deutschen“ Nachwuchs. Die Vorstellung, dass es Lesben, Schwule oder Trans* gibt, passt nicht in dieses Bild bzw. stört das Bild nachhaltig. Von daher werden alle Lebenskonzepte, die sich nicht unter traditionelle Geschlechterrollen einordnen können oder wollen, auf das Entschiedenste bekämpft. Das beinhaltet leider auch, dass Menschen, die nicht in das Bild dieser geschlechtlichen Eindeutigkeit passen, immer wieder zu Opfern von Übergriffen und Angriffen werden.

Hier können Nazis an immer noch sehr verbreitete abwertende Einstellungen unserer Gesellschaft anknüpfen. Auch in unserer „normalen“ Gesellschaft gibt es ausgeprägte Bilder über die weibliche oder männliche „Natur“ bzw. darüber, dass Männer und Frauen „natürlich“ unterschiedlich sind. Unterschiede, die sich aus der Sozialisation ergeben, werden so naturalisiert und bestehende Ungleichheitsvorstellungen gerechtfertigt.

Wie engagiert sich der Verein Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern für LST* gegen dieses menschenfeindliche Verhalten?


Der Verein, der aus dem Projekt „Lola für Lulu“ hervorgegangen ist, setzt sich seit Beginn für die Förderung der Demokratie aus einer spezifischen Genderperspektive ein. So fragt „Lola“ konkret danach, wie die Situation von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen im Bundesland bei den Themen Rechtsextremismus und Demokratie aussieht und nimmt beispielsweise auch das Engagement der immer noch zu oft übersehenen oder unterschätzten weiblichen Rechtsextremen in den Blick. Zusätzlich ist die Förderung geschlechtlicher Vielfalt und diverser geschlechtlicher Lebensweisen ein besonderes Anliegen. Wird doch auch auf diese Weise die Pluralität und (Geschlechter-)Demokratie gefördert. In diesem Bereich arbeitet der Verein im Projekt „un_sichtbar: Lesben, Schwule und Trans* in MV“ mit verschiedenen Bildungseinrichtungen zusammen und unterstützt die Selbstermächtigung queerer Jugendlicher.

In welchen Bereichen ist der Verein noch tätig?


„Lola“ stellt eine wichtige Vernetzungsinstanz von demokratischen Akteur_innen der Zivilgesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern dar. Der Verein ist seit langem in der Fortbildung von Multiplikator_innen aus dem pädagogischen und sozialen Bereich tätig. So entwickelte Lola eines der ersten Konzepte für den Umgang mit Rechtsextremismus in der Kita. Außerdem werden regelmäßig „Politische Salons“ zu aktuellen Fragen des Rechtsextremismus aus Genderperspektive veranstaltet. Eine wichtige Rolle spielt die Aufklärung über das Engagement rechtsextremer Frauen in MV, erst kürzlich veröffentlichte der Verein eine Broschüre zu dem Thema.