1871–1918 · Deutsches Kaiserreich

Gemeinsam mit Mitstreitern gründet der schwule, jüdische, sozialistische Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868–1935), geboren im pommerschen Kolberg (Kołobrzeg), am 15. Mai 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK): die weltweit erste Organisation, die sich für die Interessen Homosexueller einsetzt. Hirschfeld versteht Homosexualität als angeboren – und nicht krankhaft. Zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs
(1871–1918) prägen pathologisierende psychiatrisch- medizinische Debatten das Verständnis von Homosexualität: Sie gilt als krankhaft und als Perversion; männliche Homosexualität ist strafbar. Das WhK kämpft mit Petitionen für die Entkriminalisierung männlicher Homosexualität und betreibt Öffentlichkeitsarbeit. Ab 1900 entstehen weitere Vereinigungen, in großen Städten entwickelt sich eine lesbisch-schwule-trans* Subkultur.

Manch inoffiziellen Treffpunkt gibt es aber bereits früher. Für schwule Männer ist wahrscheinlich die Gaststätte Centralhalle in der Wladimir Straße 20 in Schwerin ein solcher, ebenso eine Schankwirtschaft im Stadtteil Zippendorf. 1878 wendet sich der Gastronom I. B. an die Stadt Schwerin und bittet um die Schankgenehmigung für die Centralhalle.

Zu diesem Zeitpunkt kellnert I. B. bereits in der besagten Gaststätte und trägt Stücke am Klavier vor; zuvor war er Besitzer oder Pächter einer Schankwirtschaft im Schweriner Stadtteil Zippendorf. Nun möchte I. B. die Centralhalle als „Restauration nebst Bierlokal“ in Eigenregie betreiben. Sein Gesuch wird abgelehnt. Aus den Akten geht hervor, dass ein gewichtiger Grund dafür die Mutmaßung war, der Gastronom würde die homosexuelle „Unsittlichkeit“ fördern.

Weibliche Homosexualität ist aufs Massivste tabuisiert. Die Ausdehnung des Strafrechtsparagrafen 175 auf homosexuelle Frauen steht mehrfach zur Debatte; an der Universität Rostock beispielsweise plädiert dafür im Jahr 1901 der Juraprofessor Friedrich Wachenfeld. Obwohl es Frauen in den meisten deutschen Ländern bis 1908 verboten ist, sich zu or ganisieren, treffen sich lesbische Frauen in privaten Zirkeln und unauffälligen Vereinigungen. In den Gruppen des WhK sind Frauen hingegen kaum beteiligt, die Gründung einer Damengruppe wird 1907 abgelehnt. Eine Ausnahme ist Johanna Elberskirchen (1864–1943), als Sozialdemokratin, homosexuellenpolitisch und im proletarischen wie im bürgerlich-radikalen Flügel der Frauenbewegung aktiv. Bemerkenswert ist auch eine mutige Rede von Theo Anna Sprüngli (1880–1953) – unter dem Pseudonym Anna Rüling – bei der Jahrestagung des WhK im Jahr 1904. Die 24-jährige Journalistin spricht sich darin für eine Verknüpfung frauenbewegter und homosexuellenpolitischer Kämpfe aus und bezeichnet sich selbstbewusst als homosexuell.



1918–1933 · Weimarer Republik

„Beamtenwitwe, 48, wünscht ebensolche zum Mitbewohnen ihres Landhauses in Mecklbg.“ Die Kontaktanzeige der Mecklenburgerin erscheint im Jahr 1930 im Kleinanzeigenteil der lesbischen Zeitschrift Liebende Frauen.

Es dürfte sich vermutlich also um den Anbahnungsversuch einer lesbischen Liebesbeziehung handeln. In einer anderen lesbischen Zeitschrift für „Freundinnen“ und „Artgenossinnen“ sucht eine Rostockerin mittels Annonce nach einer Partnerin.

Die Zeit der Weimarer Republik ist geprägt durch eine aufblühende lesbische und schwule Subkultur: Es gibt zahlreiche Vereine, Zusammenschlüsse, Klubs und Bars – und ein bemerkenswertes Zeitschriftenangebot. Berlin bildet eines der europäischen Zentren schwulen und lesbischen Lebens. Die Abschaffung des Strafrechtsparagrafen rückt in greifbare Nähe. Dem hiesigen 1919 von Magnus Hirschfeld gegründeten Institut für Sexualwissenschaft kommt gar weltweite sexualwissenschaftliche Bedeutung zu; für Transvestit_innen und homosexuelle Männer und Frauen wird es zur zentralen Anlaufstelle. Berichte in damaligen lesbischen Zeitschriften lassen allerdings auch erahnen: Für das Leben in der Provinz bleibt Isolation kennzeichnendes Merkmal lesbischen und generell homosexuellen Lebens. Aber auch hier werden Zeitschriften wie Die Freundin gelesen, gibt es Treffpunkte und Gruppen. Die homosexuelle Vereinigung Bund für Menschenrecht (BfM) zählt in den 1920er Jahren zwanzig bis dreißig Ortsgruppen; für das damalige Pommern ist ein Aufruf zur Gruppengründung in der Zeitschrift Freundin belegt.



Figuren der Epoche

Die Ärztin – Franziska Tiburtius

Die Szenegröße und Aktivistin* – Lotte Hahm

Die Tänzerin – Gret Palucca

Der Hiddenseer Künstlerinnenbund

Der Schauspieler – Richard Kley

Die Schauspieldirektoren – Heinrich Albers und Fritz Bartsch