24.01.1843–05.05.1927


Silhouette: © ullsteinbild

Die Frauen des Berliner Arbeiter_innenbezirks Prenzlauer Berg können sich nun von einer Ärztin medizinisch behandeln lassen: Im Jahr 1878 eröffnen Franziska Tiburtius –aufgewachsen in einer Gutsbesitzerfamilie auf Rügen – und Emilie Lehmus (1841–1932) als erste Frauen eine eigene allgemeinmedizinische Praxis in Deutschland. Behandelt werden Frauen und Kinder, Arme zahlen nichts. Später richten die beiden promovierten Ärztinnen eine Poliklinik für mittellose Frauen ein, außerdem eine kleine Pflegeanstalt für Frauen. Daraus schließlich wird sich die ‚Klinik für weibliche Ärzte‘ entwickeln – ein wichtiges Zentrum für zukünf­tige Ärztinnen.
Bis es so weit ist, bläst der patriarchale Gegenwind gewaltig. Während Lehmus und Tiburtius in der Alten Schönhauser Straße 23/24 in Berlin ihr Praxis­schild anbringen, ist Frauen das Hochschulstudium in Deutschland noch ver­wehrt. An der Universität Zürich wird Tiburtius von ihren männlichen Kommili­tonen mit Pfiffen und Gejohle begrüßt. Mit Bravour absolviert sie ihr Studium. Sie folgt Emilie Lehmus, die sie an der Universität kennengelernt hat, nach Berlin, wo die beiden mehrere Jahrzehnte zusammenarbeiten werden. Ärztin nennen darf sich Tiburtius in Deutschland allerdings nie, die Approbation wird ihr versagt. Dem Ansturm an Patientinnen in der Alten Schönhauser Straße tut dies keinen Abbruch.
Dreißig Jahre lang ist Tiburtius als Ärztin tätig und leistet damit Pionierinnenarbeit für kommende Ärztinnengenerationen. Sie ist mit der Frauenrechtsbewe­gung verbunden, setzt sich für die Bildung von Frauen ein und veröffentlicht zu gesundheitlichen und frauenpolitischen Themen.
Ihre letzten Tage verbringt Franziska Tiburtius – nun als Patientin – in ‚ihrer‘ Klinik für weibliche Ärzte.