Seit der frühen Neuzeit existieren in der Region des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns Gesetze, die Sex zwischen Männern und zwischen Frauen unter Strafe stellen. Bei der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wird der preußische Strafrechtsparagraf 175, der in unterschiedlichen Fassungen bis in die jüngere Vergangenheit in Kraft bleiben wird, auf das gesamte Staatsgebiet ausgedehnt. „Widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern wird mit Gefängnis, potenziell mit der Aberkennung etwaiger bürgerlicher Ehrenrechte bestraft. Die Ausdehnung auf Frauen wird immer wieder diskutiert.

Bereits zu Zeiten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik gibt es Bemühungen, den Paragrafen abzuschaffen. So initiiert und schreibt der bekannte Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld Petitionen, Briefe und Veröffentlichungen dazu. Im Parlament jedoch scheitern die Reformbestrebungen an einer mangelnden Mehrheit.

Im Nationalsozialismus wird die Verfolgung gleichgeschlechtlich liebender Männer strafrechtlich und in der Praxis massiv verschärft. 1935 wird der Tatbestand ausgeweitet; strafbar sind nun jegliche Handlungen der „Unzucht“ zwischen Männern.
Willkürliche Verfolgung und Internierungen sind die Folge, ein Kuss oder „begehrliche Blicke“ können genügen. Etwa 50 000 Männer werden im Nationalsozialismus nach dem Paragrafen 175 verurteilt.

Manch einer davon gerät nach Kriegsende erneut wegen homosexueller Kontakte unter Verfolgungsdruck. 1965 ermittelt die Wismarer Volkspolizei unter anderem gegen den 1896 geborenen Hausmeister P. V. – er traf sich mit anderen Männern auf der öffentlichen Toilette am Wismarer Hafen. Sie kann ihm nichts Verbotenes nachweisen. P. V. wurde bereits im Nationalsozialismus verurteilt, er hat Gefängnis und Konzentrationslager überlebt.



DDR

Tatsächlich behalten nach Kriegsende zunächst sowohl die BRD als auch die DDR den von den NationalsozialistInnen verschärften Strafrechtsparagrafen 175 bei. Ab 1950 gilt für das Staatsgebiet der DDR wieder der alte Paragraf 175 aus der Zeit der Weimarer Republik. Im Jahr 1968 gibt sich die DDR ein neues Strafgesetzbuch – der Paragraf 175 ist damit passé.

Nun regelt der Paragraf 151 den Straftatbestand sexueller Handlungen einer erwachsenen Person mit einer gleichgeschlechtlichen jugendlichen Person. Mit diesem ‚Sonderparagrafen‘ für weibliche wie männliche Homosexuelle, der eine andere Schutzaltersgrenze (achtzehn Jahre) als für Heterosexuelle (sechzehn Jahre) definiert, bleibt ein diskriminierendes Moment auch im Sexualstrafrecht der DDR enthalten. 1987 jedoch entscheidet das Oberste Gericht der DDR: „[…] Homosexuelle Menschen stehen […] nicht außerhalb der sozialistischen Gesellschaft, und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet.“ Kurz vor dem Ende der DDR, im Juli 1989, wird der Paragraf 151 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.



1990–2017

Nach der sogenannten Wiedervereinigung je doch gilt auch in den Regionen der ehemaligen DDR wieder eine Fassung des Paragrafen 175, an dem die ‚alte‘ BRD zeit ihres Bestehens festgehalten hat.
Verfassungsbeschwerden und Mahnungen des Europarates, des Europäischen Gerichtshofes und des Europaparlamentes bleiben zunächst erfolglos.

Erst 1994, im Zuge der Rechtsangleichung zwischen der BRD und DDR, wird der Paragraf ersatzlos gestrichen. Hierzu trugen nicht zuletzt die Bemühungen des 1990 gegründeten Schwulenverbandes in der DDR (SVD) – seit 1999: Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e. V. (LSVD) – bei.

Es wird viele Jahre dauern, bis die verurteilten Männer moralisch und juristisch rehabilitiert werden. Erst 2002 beschließt der Deutsche Bundestag die Aufhebung der im Nationalsozialismus gefällten 175er-Urteile. Fünfzehn Jahre später, 2017, hebt er auch die Nachkriegsurteile auf und verfügt Entschädigungszahlungen für die 5 000 heute noch lebenden Betroffenen.

Im Gepäck hat das Gesetz jedoch ein diskriminierendes Element. Pauschal von einer Rehabilitierung ausgeschlossen werden jene, deren Partner unter sechzehn Jahre alt war. Für homosexuelle Männer wird somit nachträglich eine Altersgrenze (sechzehn Jahre) festgelegt, die über dem Schutzalter für Heterosexuelle (vierzehn Jahre) liegt. Im langen Schatten des alten Paragrafen 175 stehen schwule Beziehungen erneut unter Verdacht.