Welche lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Persönlichkeiten leb(t)en und wirk(t)en in der Region des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, welche Vorbilder gibt es?

Welche Erfahrungen der Repression und Verfolgung mussten Homosexuelle während der Zeit des Nationalsozialismus machen? Wie lebte es sich als Lesbe oder als Schwuler in der DDR? Welche Strategien entwickelten Schwule und Lesben, um gegen Diskriminierung vorzugehen, wie emanzipierten und organisierten sie sich?

Lesbische und schwule (Bewegungs-)Geschichte ist gesellschaftlich nicht präsent, in Schulbüchern findet sich in der Regel nichts davon. Die Ausstellung lädt dazu ein, sich mit dem Lebensalltag, der Diskriminierung und Verfolgung von Lesben und Schwulen, mit ihren Überlebensstrategien, Kämpfen und ihrer Emanzipation in der Region des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern zu beschäftigen: von der Zeit des Kaiserreichs bis in die Gegenwart.


Die Ausstellung lässt Lesben und Schwule selbst zu Wort kommen: in Interviews, durch die Reproduktion von Schriftstücken, Gemälden, Flyern …
Repression, Diskriminierung und daraus resultierende Scham verhinderten jedoch oftmals, dass Schwule, Lesben – und ebenso Trans* und Inter* – sich als solche zu erkennen gaben und entsprechende Zeugnisse hinterließen, sei es schreibend, fotografierend oder malend. Staat und Gesellschaft luden LSBTI* historisch nie dazu ein, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten. Historische Selbstzeugnisse von Lesben, Schwulen und Trans* aus der Region sind deshalb nur schwer aufzufinden.

Folglich stammt das, was wir über die Geschichte queeren Lebens wissen, häufig aus Dokumenten der Repression und Verfolgung: Gerichtsprotokolle; Beobachtungsprotokolle; medizinische Gutachten. Sie spiegeln eine Sichtweise ‚von außen‘, oft eine Täterperspektive, wider. – Inwiefern können und wollen wir diesen Dokumenten Glauben schenken?
Inhaltlich eingebettet und oftmals gegen den Strich gebürstet, präsentiert die Ausstellung eine Auswahl solcher Dokumente. Stark pathologisierende, kriminalisierende und allgemein diskriminierende Schriftstücke werden den Besucher_innen nicht zugemutet.

Homo oder hetero?

Dass wenig über schwule und lesbische Geschichte bekannt ist, hat nicht nur mit dem Damals zu tun, sondern auch mit dem Heute: damit, wie Vergangenes interpretiert wird.

Waren Heinrich Albers und Fritz Bartsch, 1913 bis 1920 Intendanten am Wismarer Theater, Freunde und Kollegen – oder ein schwules Paar? Und handelt es sich beim Hiddenseer Künstlerinnenbund (1919–1933) um einen Zusammenschluss von Malerinnen – oder spezifisch um ein Netzwerk vor allem lesbischer oder bisexuell lebender Malerinnen?

Dass historische Personen schwul oder lesbisch gefühlt und gelebt haben könnten, wird in der Regel nicht in Erwägung gezogen, solange keine eindeutigen ‚Beweise‘ vorliegen. Insbesondere lesbische und generell weibliche Sexualitäten werden gesellschaftlich wenig wahr- und ernstgenommen; Frauen werden daher so lange als heterosexuell gedeutet – und Frauenbeziehungen als freundschaftliche –, bis das Gegenteil bewiesen werden kann. Wie aber sollte ein solcher ‚Beweis‘ aussehen, wer sollte ihn erbrin gen und wie?

Ob Personen homo, bi oder hetero l(i)ebten und wie sie sich selbst gesehen haben – darauf gibt es häufig keine eindeutigen Antworten. Einer der Gründe dafür ist die Angst vor Diskriminierung und Verfolgung, die Lesben und Schwule in die Unsichtbarkeit zwang.

Diese Ausstellung zieht die Möglichkeit lesbi scher Lebensweisen, schwuler Identitäten, bisexuellen Begehrens in Betracht – auch dann, wenn der Nachwelt eindeutige ‚Beweise‘ fehlen.

Unsichtbare Trans– und Intergeschichte

Personen, deren Körper sich nicht in das zweigeschlechtliche Raster ‚Mann oder Frau‘ einfügen lassen, gab es schon immer. Dasselbe gilt vermutlich für Personen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Inter* und Trans* waren – und sind bis heute – massiv von Diskriminierung, Gewalt und Pathologisierung betroffen. Trans* und inter* Initiativen können erste Erfolge verbuchen, was pathologisierende und menschenrechtswidrige Regelungen in Recht und Medizin betrifft. Insbesondere Trans* gelang es, in den vergangenen Jahrzehnten, eine politische und Unterstützungsinfrastruktur auf- und ausbauen und ein Mehr an Sichtbarkeit zu erwirken.

In den 1920er Jahren begegnen wir Lotte Hahm – Mitgründerin* der transvestitischen Vereinigung D’Eon – und heute dem trans* Künstler Maximilian Weihs. Spezifisch für die DDR haben wir medizinische Gutachten zu Trans* gefunden; hier hat uns jedoch ihr stark pathologisierender Charakter dazu bewogen, sie nicht auszustellen. Was die regionale Geschichte und Gegenwart von Inter* betrifft, liegt uns lediglich ein auf das Jahr 1907 datierter Brief der Frauenrechtlerin Alice Strauß vor. Darin äußert sie sich über die Rostockerin B. M., die offenbar inter* war. Aufgrund exotisierender und abwertender Tendenzen des Briefes verzichten wir auf dessen Präsentation.

Die Geschichte von Trans* und Inter* ist kaum recherchiert und erforscht, das gilt auch für die Region des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns. Die Quellenlage ist schwierig – auch hier spielen Repression, Diskriminierung und Gewalt als historische Ursachen eine Rolle. Entscheidend für eine erfolgreiche Spurensuche, auf deren Grundlage (Regional-)Geschichten von Trans* und Inter* erzählt werden können, wird daher die zukünftige Bereitstellung von Ressourcen für Nachforschungen sein.